Seit wann gibt es eigentlich mobiles Internet? Seit ein paar Jahren? Nein: Strikt betrachtet wurde die erste mobile Internetverbindung im Jahr 1996 kommerziell angeboten, und zwar in Finnland, mit dem Nokia Communicator.

Ich selbst habe das „Brikett“, wie wir das erste ernstzunehmende Smartphone der Welt im Kollegenkreis liebevoll nannten, über Gerätegenerationen genutzt. Ein großes Vergnügen und eine ungemeine Arbeitserleichterung: Schon damals war es möglich, unterwegs E-Mails zu checken, mal schnell (mehr schlecht als recht und dazu sehr teuer) etwas im Web nachzuschlagen oder einen Text zu schreiben – ohne ein Notebook dabei zu haben. Letztere nannte man damals wegen ihres hohen Gewichts übrigens „Schlepptop“. Und das war nicht übertrieben.

Ich weiß, bezüglich der genauen Geburtsstunde von Technologien gibt es immer diverse Definitionen. Man könnte auch sagen, das mobile Internet sei erst 1999 eingeführt erfunden worden, als der Mobilfunkanbieter NTT DoCoMo in Japan den bunten Handy-Onlinedienst i-mode auf den Markt brachte. Andererseits war i-mode ein abgeschottetes System und daher kein richtiges „mobiles Internet“. Ganz Spitzfindige wenden auch gern ein, das „mobile Internet“ gebe es gar nicht. Denn es gebe schließlich nur ein Internet. Das Internet.

Sei’s drum. Ich lege mich hiermit fest und behaupte:

Das mobile Internet wird 2016 stolze 20 Jahre alt.

In diesen 20 Jahren hat sich sehr viel getan. So ist beispielsweise die Verantwortung für eine korrekte Darstellung der Web-Inhalte auf kleinen Displays vom Nutzergerät auf den Website-Betreiber übergegangen. Noch vor einigen Jahren waren Technikfreaks begeistert von Browsern wie Mobile Opera, die versuchten, die übertragene Datenmenge durch server-/proxyseitige Komprimierung zu reduzieren und eine angenehme mobile Darstellung zu erreichen. Heute ist das für die meisten Nutzer Schnee von gestern. Man erwartet einfach, dass jede Website sich jedem beliebigen Mobilgerät anpasst, vom Highend Notebook bis zur Smartwatch.

Websites, die mobil nicht gut lesbar sind, verlieren Nutzer

Websites, die diese Anforderung nicht erfüllen, verlieren rapide Nutzer. Einerseits, weil diese entnervt aufgeben, wenn sie feststellen, dass sie zum Lesen nach links und rechts hin und her scrollen müssen. Zum anderen, weil Google Websites, nicht nicht für die mobile Nutzung optimiert sind, abstraft und in den Suchergerbnissen weiter nach hinten verbannt.

Den expliziten Hinweis „Für Mobilgeräte“ in den Google-Suchergebnissen wird es künftig nicht mehr geben, weil das inzwischen als Selbstverständlichkeit erwartet wird. Dafür werden ab Januar 2017 Websites in den Suchergebnissen heruntergestuft, die ihre Nutzer mit sogenannten Interstitials behelligen, also vollflächigen Call-to-Action-Anzeigen, die sich über den eigentlich gewünschten Inhalt schieben. Betroffen sind sowohl Werbeanzeigen als auch andere calls to action, etwa zur Newsletter-Anmeldung.

Sie sehen: Die Daumenschrauben werden angezogen. Mobil angenehm abrufbare Websites anzubieten wird Pflicht für Organisationen oder Unternehmen, die auch künftig im Web wahrgenommen werden möchten.

Umso mehr irritierte mich die Gelassenheit, die viele Unternehmer bezüglich des mobilen Web kürzlich noch an den Tag legten. Ich unterhalte mich als Berater und Website-Bauer ja regelmäßig mit Führungspersonen aus Unternehmen. Und ich erinnere mich an viele Gespräche, die mich verwundert haben. Etwa mit einem Gastronomen in einer extrem teuren Innenstadtlage, der mir sagte, ihm sei völlig egal, ob Gäste negative Rezensionen bei Location Based Services oder bei Google veröffentlichen. Oder an den befreundeten Agenturmenschen, der mir sagte, er brauche keine mobil abrufbare Website.

Mobil-Skeptiker auf dem Rückzug

Gemeinsam haben diese Gespräche aber alle eines: Sie liegen allesamt mindestens mehrere Monate zurück. Inzwischen scheinen viele Mobil-Skeptiker den geordneten Rückzug anzutreten. So verdichtet sich für mich der Eindruck, dass sich die Erkenntnis, wie wichtig die Mobil-Optimierung von Websites ist, so langsam auch bis zum letzten Marketingverantwortlichen herumgesprochen hat. Es geht nicht mehr ohne Responsive Design oder – bitte nur wo sinnvoll – App.

Doch was ist sinnvoll, was ist überflüssig? Mobiles Internet ist kein Selbstzweck. Ich rate daher davon ab, ohne sorgfältige Planung ad hoc große Teile bisher anders verwendeter Budgets in mobile Marketingmaßnahmen umzuschichten.

Das wäre Hype, übertrieben, am Ende vielleicht sogar zu invasiv und damit lästig bis abschreckend für die Nutzer. Denn eins ist klar: Der Werbedruck auf den mobilen Nutzer nimmt immer mehr zu, und wer ab Smartphone bis zum Überdruss mit Werbung konfrontiert wird, der weicht auf andere Plattformen, die weniger aufdringlich sind, aus.

Was also sollten Unternehmen tun, wenn es um mobiles Internet und mobiles Marketing geht?

Priorisieren Sie mobil relevante Informationen

Frau telefoniert via Smartphone
Click to call macht Kunden glücklich

 

Wenn Sie ein Business betreiben, das von Kunden regelmäßig vor Ort aufgesucht wird, sorgen Sie dafür, dass Öffnungszeiten, Anschrift und gegebenenfalls Preise sowie Telefonnummern sofort über die mobile Google-Suche auffindbar sind. Achten Sie auch auf Kleinigkeiten wie die korrekte Formatierung von Telefonnummern.

Da gibt es fiese Kleinigkeiten: Der mobile Safari Browser auf Apple-Geräten erkennt beispielsweise automatisch Telefonnummern. Der Browser stellt diese Telefonnummern klickbar dar, ein Klick führt direkt zum Anruf. Gut zu wissen, dass dies in blauer Farbe geschieht – das ist zu beachten, wenn man beispielsweise mit dunklen (oder gar blauen…) Hintergründen und heller Schrift arbeitet.

Generell ist „Click to call“ eine wunderbare Möglichkeit, Smartphone-Nutzern die direkte Kontaktaufnahme zu Ihrem Business zu ermöglichen. Daher: Nutzen Sie diese Möglichkeit, und vergessen Sie nicht, die so generierten Anrufe auch ordentlich zu tracken.

Testen Sie Ihre Website auf mobilen Geräten

Es führt kein Weg dran vorbei: Auf den wichtigsten aktuellen Smartphone-Plattformen sollten Sie sich Ihre Website ab und zu anschauen. Nur so können Sie sicher sein, dass die Nutzererfahrung auch tatsächlich akzeptabel ist. Zudem sollten Sie den Google Mobile Friendly Test durchführen. Ein Check mit den Google Page Speed Insights lohnt ebenfalls: Hier sollten Sie für Geschwindigkeit und mobile Nutzererfahrung eine möglichst nah am Maximalwert 100 liegende Punktzahl anstreben. Das ist sehr sportlich – aber es ist, wenn auch nicht von heute auf morgen mal eben schnell erreichbar, nicht unmöglich.

Planen Sie Kampagnen mit Fingerspitzengefühl

Die Welt des Online Marketing ist verführerisch. Tausende Cross Channel Tools für die Anzeigenbuchung buhlen um die Gunst von Marketingentscheidern. Sie erleichtern die Kampagnenerstellung und -kontrolle. Ich habe nichts gegen diese Tools und nutze sie selbst. Allerdings versuche ich, anhand der Ergebnisse sehr engmaschig im Auge zu behalten, an welchen Stellen ich die Zielgruppen auf mobilen Geräten gut erreiche und an welchen nicht.

Dazu kontrolliere ich Interaktionsraten und Klickraten. Bei Facebook kann auch die algorithmische Relevanzbewertung von 0 bis 10 Punkten ein Anhaltspunkt sein. Ebenso gilt es die Frequenz im Auge zu behalten. Sie verrät, wie oft mein Kampagneninhalt im Schnitt ein und demselben Nutzer angezeigt wurde. Steigt die Frequenz bei einer Kampagne, so erhöht sich die Chance, dass Nutzer genervt sind und meine Inhalte am Ende womöglich ausblenden oder blockieren.

Dann ist das Kind in den Brunnen gefallen. Das wiederum kann ich anhand der Negative Action Rate bei Facebook erkennen.

Fazit: Es gibt ausreichend Feedback aus den digitalen Marketingkanälen, die einem aufmerksamen Online-Marketing-Arbeiter durchaus verraten, auf welchen (mobilen) Plattformen welche Inhalte gut ankommen – und auf welchen sie nerven. Fragen Sie mal die Agentur Ihres Vertrauens oder Ihre operativ mit Ad-Buchungen befassten Kolleg/-innen nach den oben genannten Werten. Ich hoffe, Sie blicken dann nicht in ratlose oder ertappte Gesichter.

Und jetzt bin ich gespannt auf Ihr Feedback und Ihre Ergänzungen: Wenn auch bei Ihnen das mobile Internet Ihr Online Marketing gehörig auf den Kopf gestellt hat und Sie Ihre Erfahrungen dazu teilen und diskutieren möchten, dann freue ich mich über Ihren Kommentar.

Bernhard JodeleitAutor dieses Beitrags:

Bernhard Jodeleit berät Unternehmen in Sachen Digitalstrategie, Online Marketing und Krisenkommunikation.

 

Hinweis: Gegen Risiken, die bei der Nutzung von Kanälen für Online Marketing drohen – und auch bei der Beratung in diesen Feldern – können sich Marketingverantwortliche bei Hiscox absichern.