Nach einem Cyber-Vorfall (durch technische Probleme oder Cyber-Kriminalität) steht oft nicht sofort eindeutig fest, wer für welchen Teil des Problems zuständig war und wer am Ende für die Folgen einstehen muss. Verantwortung verteilt sich im Cyber-Bereich selten auf nur eine einzige Partei. Oft greifen technische, organisatorische und vertragliche Zuständigkeiten ineinander. So entstehen Graubereiche mit nicht klar definierten Verantwortlichkeiten. In diesem Kapitel möchten wir Ihnen zeigen, aus welchen fünf Gründen diese unklaren Zuständigkeiten entstehen können:
Mehrere Beteiligte arbeiten gleichzeitig an derselben IT-Umgebung
Unternehmen, interne IT, externe IT-Dienstleister, Freelancer, Cloud-Anbieter und Software-Hersteller übernehmen jeweils Teilaufgaben. Im Schadenfall stellt sich dann die Frage, wer für genau welchen Bereich zuständig war.
Schnittstellen schaffen Graubereiche
Viele Cyber-Vorfälle entstehen nicht nur durch einen einzelnen Fehler, sondern an Übergängen zwischen Systemen, Zuständigkeiten und Dienstleistern. An solchen Schnittstellen verschwimmt die Verantwortung schnell.
Cloud-Nutzung wird oft falsch eingeschätzt
Viele Unternehmen gehen davon aus, dass mit der Nutzung einer Cloud-Lösung auch die komplette Sicherheitsverantwortung beim Anbieter liegt. In der Praxis gilt aber meist ein Shared Responsibility Model: Der Anbieter schützt die Infrastruktur, das Unternehmen bleibt für Zugriffe, Konfigurationen und Daten verantwortlich.
Ausgelagerte IT bedeutet nicht ausgelagerte Gesamtverantwortung
Auch wenn IT-Aufgaben an externe Partner vergeben werden, bleibt ein Teil der Organisations- und Kontrollverantwortung häufig beim Unternehmen. Verantwortung lässt sich also nicht vollständig abgeben.
Verträge regeln nicht immer alle Details sauber
Serviceverträge, Leistungsbeschreibungen und SLAs sind oft nicht eindeutig. Im Ernstfall ist es wichtig, dass Zuständigkeiten, Reaktionspflichten oder Haftungsgrenzen präzise formuliert sind. Wenn das nicht der Fall ist, entstehen schnell Auslegungsspielräume und Streit über die Verantwortlichkeit im Schadenfall. Denn es ist häufig nicht eindeutig geklärt, wer welche Sicherheitsaufgaben übernehmen musste, wer auf Warnsignale hätte reagieren müssen und wer für den entstandenen Cyber-Schaden haftet.
Besonders kritisch wird es, wenn mehrere dieser Punkte zusammenkommen. Dann entsteht eine Situation, in der jede beteiligte Partei nur einen Teil des Problems verantwortet, der Gesamtschaden aber niemandem sofort eindeutig zugeordnet werden kann.
Typische Auslöser für solche Graubereiche sind zum Beispiel:
- unklare Zuständigkeiten für Updates und Patches
- fehlerhafte Konfigurationen von Cloud- oder Sicherheitslösungen
- unzureichend geregelte Zugriffsrechte
- fehlende Dokumentation von Aufgaben und Freigaben
- projektbezogene Zusammenarbeit mit externen Spezialisten
- abweichende Erwartungen zwischen Unternehmen und IT-Dienstleister
Cyber-Kriminalität als Auslöser von Cyber-Vorfällen
Viele Cyber-Vorfälle entstehen durch Cyber-Kriminalität, etwa durch Phishing, DoS / DDoS Attacken, Schadsoftware oder gezielte Hacker-Angriffe. Cyber-Kriminelle nutzen dabei technische Schwachstellen, menschliche Fehler oder unzureichende Sicherheitsmaßnahmen aus, um Zugriff auf Systeme oder Daten zu erhalten.
Aktuelle Studien zeigen, wie vielfältig die Ursachen von Cyber-Vorfällen sind. Laut dem ENISA Threat Landscape Report 2025 beginnen rund 60 % aller Angriffe mit Phishing oder Social Engineering. Weitere etwa 21 % entstehen durch die Ausnutzung technischer Sicherheitslücken. Gleichzeitig werden Social-Engineering-Angriffe zunehmend durch KI unterstützt. Diese Mischung aus menschlichen Fehlern, technischen Schwachstellen und komplexen IT-Strukturen macht deutlich, warum Verantwortlichkeiten bei Cyber-Vorfällen häufig nicht eindeutig zuzuordnen sind.
Quelle: European Union Agency for Cybersecurity
Bei Cyber-Vorfällen geht es darum, wer den Fehler gemacht hat, wer wofür verantwortlich war, was vertraglich geregelt wurde und welche Pflichten beim Unternehmen verbleiben. Diese Haftungs- und Verantwortungsstruktur zeigen wir Ihnen im nächsten Kapitel genauer.
KI verändert auch die Cyber-Sicherheit
Cyber-Risiken verändern sich zunehmend durch neue Technologien wie Künstliche Intelligenz. Laut dem Hiscox Cyber Readiness Report 2025 sehen 77 Prozent der Unternehmen KI als Chance für mehr Cyber-Sicherheit. Gleichzeitig sind sich viele auch der neuen Risiken bewusst. Das unterstreicht, dass Cyber-Sicherheit heute nicht nur eine technische Frage ist, sondern ein Feld, in dem Prävention, Risikobewusstsein und klare Verantwortlichkeiten zusammenspielen.