Wenn es um agile Projektmanagement-Methoden geht, wird Kanban oft im gleichen Atemzug genannt wie Scrum, Extreme Programming oder Feature Driven Development. Dieser Blogpost beleuchtet zwei Fragen:

1. Ist Kanban tatsächlich agil?

2. Und warum ist das wichtig (oder vielleicht unwichtig)?

Trouble in paradise: Kanban ist gar nicht agil?

Spätestens im Jahr 2012 kam die Frage auf, ob denn Kanban überhaupt agil sei. Bislang waren die Leute, die Scrum, Kanban, XP oder sonstige innovative Ansätze verfolgten, dieser Frage vermutlich nicht nachgegangen. Das Neue war cool, Scrum war cool, Agile war cool, und Kanban war auch cool. Also passte alles gut zusammen.

Dann wurde durch Michael Sahota in seinem viel beachteten Booklet infrage gestellt, ob Kanban agil sei. Sahota stellte die Core Prinzipien und Praktiken der Kanban-Methode (für die Softwareentwicklung begründet von David Anderson) dem Agilen Manifest (den Kern allen agilen Denkens) gegenüber.

Und er meinte festzustellen: Kanban verträgt sich zwar gut mit Agile, aber auch mit Nicht-Agile. Kanban selbst sei aber nicht agil. Kanban könne nämlich auch gut in Unternehmenskulturen leben, die mit Agile unvereinbar seien. Erst Kanban + Agile ist Agile, so schloss er.

David Anderson kommentierte, das Buch enthalte Denkfehler, die ein Sechsjähriger identifizieren könne. Ok, schauen wir mal genauer hin.

Was ist Agile?

Um die Fragestellung “ist Kanban agil” zu betrachten, muss man überlegen: Was ist überhaupt agil? Oft wird “Agile” missverstanden als ein Satz von Praktiken. Wenn du Pairprogramming machst und Sprints und Daily Standups, dann bist du agil.

Doch dem ist nicht so. Gerade in der letzten Zeit sind wieder viele Stimmen laut geworden (auch von Unterzeichnern des Agilen Manifests in seinem Blogpost The Failure of Agile), die starke Kritik am derzeitigen Zustand von Agile üben. Einfach blind und verständnislos die agilen Praktiken zu verfolgen, das müsse mit “Agile” nicht viel zu tun haben. Cargo Cult nenne man das, wie Christoph Mathis (ein Certified Scrum Coach) in seinem Blog sehr schön darstellt.

Was ist also Agile? Agile ist ein System von Werten und Prinzipien. Eine Kultur. Wie Steve Denning (ein Management-Guru, kein ausdrücklicher “Agilist”) es beschreibt: Agile definiert eine Ziel-Kultur (target culture) für das erfolgreiche Liefern von Software.

Was ist Kanban?

Kanban dagegen ist eine Methode zur Prozess-Veränderung, eine Methode zum evolutionären Change- und Prozess-Management. Die Kanban-Methode für die Softwareentwicklung nach David Anderson stellt (zunächst) vor allem einen klaren Satz von Praktiken und Prinzipien dar, die es zu befolgen gilt: Visualisiere, begrenze das Work in Progress usw.

Mike Burrows hat in seinem kürzlich erschienenen Buch Kanban from the Inside in Abstimmung mit David Anderson und der Kanban Community einen Weg aufgezeigt, Kanban über Werte wie etwa Transparenz, Leadership, Flow, Respekt zu definieren und einzuführen. Es geht also auch hier um Kultur. Das ist eigentlich nicht verwunderlich, denn Lean, aus dem Kanban “abstammt”, hat einen extremen Fokus auf Firmenkultur.

Werte? Wieso Werte?

Obwohl Kanban also zunächst als Prozess-Management-Methode zu sehen ist, stellen die führenden Software-Kanban-Denker klar: Es geht – wie in Agile – auch um die der Methode zugrunde liegenden Werte und Prinzipien!

Auf die Frage, ob Kanban agil sei, antwortet Burrows allerdings ganz einfach im Buch: Die Frage sei bei genauem Verständnis, was Agile und was Kanban ist, überhaupt nicht sinnvoll. Wenn man Scrum macht, ist Kanban eine Methode, um besseres Scrum zu machen (was Corey Ladas ja schon 2008 als Scrumban auf den Tisch brachte). Wenn man etwas anderes macht, ist Kanban eine Methode, eben dieses andere besser zu machen.

Fazit: Wie agil ist Kanban? Das hängt von Ihnen ab…

Das Fazit lautet:

  • Kanban ist dann agil, wenn man es benutzt, um agil zu sein und zu werden.
  • Es ist nicht wichtig, ob Kanban agil ist oder nicht (die Frage ist sinnlos).
    Wichtig ist aber, ob man, will man agil sein, Agile verstanden hat.
  • Egal, was man tut und tun will: Kanban hilft einem dabei, besser zu werden.

Autor: Sacha Storz, TechDivision