Auf einer Konferenz habe ich einen Sprecher sagen hören, er würde kein wichtiges Projekt einem Projektmanager anvertrauen, der nicht schon mal gescheitert sei. Und ich glaube, ich weiß, was er meint. Die Lernerfahrung ein Projekt langsam, majestätisch und scheinbar unausweichlich an die Wand zu fahren, ist… heilsam. Sie macht wachsam. Ich habe diese Erfahrung (leider? glücklicherweise?) gemacht. Sie hat mich im Nachhinein überlegen lassen: Hätte ich – als PM – das Projekt früher scheitern lassen können und sollen?

Es lief so, same old story: Das Projekt war von allen unterschätzt worden. Vom Kunden, von den Dienstleistern, von mir… Und es wurde über den Verlauf hinweg immer, immer komplexer. Doch das wollte keiner so recht hören, und ich habe es viel zu spät und dann auch nicht laut genug gesagt. Weil ich ja selber nicht wollte, dass es wahr ist.

Das ist letztlich der einzige Vorwurf, den ich mir nachträglich mache. Ich habe nicht den Mumm gehabt zu sagen: Zurück auf Los, wir lassen es bleiben, so wird es nichts, ich mach nicht mehr mit. Man nennt so etwas Death March, Todesmarsch, und so fühlt es sich auch an. Man weiß, es kann nichts mehr werden. Aber man muss weitermachen. Vielleicht habe ich auch nicht die Macht gehabt als PM, das Projekt zu stoppen, klar. Aber ich hätte es versuchen müssen und hätte auf die Weise viel an Zeit, Schmerzen und Geld gespart für viele Beteiligten – u.a. mich. Scheitern ist also eine mögliche Chance. Eine Option.

Ich spreche hier nicht von der in den letzten Jahren “hippen” Romantik um das Scheitern, die (wenn falsch verstanden) das Scheitern sinnlos als etwas Gutes umdeutet. Die vielleicht sogar sozialkritisch gemeint ist und sich dem Erfolgs- und Optimierungsdruck der heutigen Zeit widersetzen will? Das ist alles gut und schön, aber Scheitern kostet –  wie gesagt –  Zeit und Geld, ganz abgesehen von den Schmerzen und daran können Gesundheit und Existenzen zugrunde gehen.

Ich spreche auch nicht vom gerade in der agilen Szene hochgehaltenen “Fehler feiern”. Auch das ist meines Erachtens oft falsch verstanden, es geht nicht darum, zu feiern, wenn man sich kreuzdämlich angestellt hat oder schwere Versäumnisse zu ernsten Schäden führen. Jurgen Appelo (Management 3.0) beschreibt das in seinem Celebration Grid sehr schön: Einen Fehlschlag sollte man feiern, wenn man ihn als Ergebnis eines safe-to-fail als Lernerfolg einstufen kann. Und natürlich ist es sinnvoll, Fehler und Scheitern immer als Lerngelegenheit aufzufassen – anstatt Schuldige zu suchen –, dennoch: Wenn es sich nicht um safe-to-fail Experimente handelt, gibt es ein Scheitern, das doch besser a priori zu vermeiden wäre. Nur ein Wort: Atomkraftwerk (mein Projekt hatte mit Atomkraftwerken glücklicherweise nichts zu tun).

Zurück zum erwähnten Projekt: Mein Fazit aus dem langen, schmerzhaften und teuren Scheitern war, dass ich als PM brutaler sein würde in der Zukunft. Brutaler, wenn es darum geht, Unmöglichkeiten und Unwägbarkeiten zu berechnen und zu benennen. Brutaler, wenn es darum geht, aufzuklären und abzulehnen. Brutaler, wenn es darum geht, den Stecker zu ziehen. Denn, wie heißt es so schön: Hoffnung ist keine Strategie. Also besser schnell scheitern als grandios scheitern. Vielleicht ist das der Kern einer konstruktiven “Kultur des Scheiterns”. Der Realität gemeinsam ins Auge blicken, statt “Wassermelonen-Reporting”: Von außen alles grün, alles grün, alles grün… bis man dann mal reinschaut, dann ist alles rot.

Die Kosten-Nutzen-Rechnung (in Geld, Zeit, Blut, Schweiß, Tränen) zu jedem Zeitpunkt im Projekt zu machen, ob ein Abbruch besser sei als ein Fortführen: Das ist mein Fazit. Wenn also das nächste mal jemand zu Ihnen sagt “Failure is not an option” – Scheitern ist keine Option, dann antworten Sie: “Failure is always an option!” – Scheitern ist immer eine Option.

Autor: Sacha Storz