Als Autor und Berater für Digitale Kommunikation ist „The Digital Guide“ Lukas Adda bestens mit den Vorteilen, aber auch den Herausforderungen der Selbstständigkeit in der Kommunikationsbranche vertraut. Im Gespräch verrät er uns, was für den erfolgreichen Schritt in die Selbstständigkeit notwendig war und beschreibt die Gefahren, die unwahre Online-Inhalte für Kommunikationsberater, Agenturen und Unternehmen mit sich bringen.

Lukas, was sind die größten Herausforderungen im Leben eines selbstständigen Social Media Beraters?

Ich denke, diese Frage kann man so nicht pauschal beantworten. Manch ein Selbständiger kommt mit dem Freiberuflerleben besser klar, als ein anderer. Mit Sicherheit ist es aber für alle Selbstständigen eine Umstellung, wenn sie von einer „sicheren“ Festanstellung in eine freie Laufbahn aufbrechen. Ich denke auch, es gibt da einen Faktor, die ein Freiberuflicher auf jeden Fall mit sich bringen muss, um auch langfristig bestehen zu können: Disziplin. Daher bedeutete für mich der Schritt hin zum freien Digital-Berater erst einmal: Nichts an dem eigentlichen „Daily Business“ ändern und auf den inneren Chef hören. Raus aus den Federn, To-Dos notieren und loslegen! Und das wie bei den „Normals“ – fünf Tage die Woche. Mein erster Tag als Selbstständiger begann mit diesem Ansporn am 03. Januar 2011 um 07:00 Uhr.

Die größten Herausforderungen lagen bei mir darin, die Sicherheit (der Festanstellung) gegen die gewonnene Freiheit einzutauschen und sich im weiteren Schritt künftig auf die eigene Expertise und die Informationen von Dritten zu verlassen. Da ein kollegiales Backup nicht mehr vorhanden war, nahm das Netz – als relevante/zuverlässige Quelle für Meinungen und Informationen – selbstverständlich mehr und mehr an Bedeutung zu. Wie glaubwürdig Informationen im Internet sind, woher sie ursprünglich stammen und wer sie wie aufbereitet und bearbeitet hat, war also schon damals wichtig.

Wie wird in den sozialen Medien mit dem Thema „Wahrheit“ umgegangen“?

Die „Wahrheit“ wird mit allen verfügbaren Mitteln und Instrumenten benutzt, um die eigene Sichtweise einer Ist-Situation zu präsentieren und mit dem Umfeld (=Follower) zu teilen. Nicht selten hat die publizierte Wahrheit mit der Ist-Situation nicht viel gemein. Mit dem Einzug des Internets und den vielen unterschiedlichen Social Media Plattformen und Applikationen hat sich die Wahrheit zu einer Propagandamaschinerie ungeahnter Größe entwickelt, die jedem frei zur Verfügung steht. Das beste Beispiel aus dem Alltag vieler von uns ist das Status-Update. Dem User stehen diverse Social Communities zur Verfügung, um sich und sein Leben darzustellen. Dabei geht es schon lange nicht mehr darum, was ich als Text in das dazugehörige Feld eintrage. Bloße Worte konnten schon immer die eigene Wahrheit darstellen.

Durch die technologische Weiterentwicklung und dem Einzug von Smartphones ist eines der stärksten Reizinstrumente für jeden nutzbar: Bilder und Videos unterstützen die zur Schau getragene Wirklichkeit und werden häufig noch mit weiteren Anwendungen optimiert. Dazu gehören zum Beispiel angesagte Check-ins, Mood-Tags, Sticker, populäre Hashtags und andere Tools um das eigene Image im Netz zu kreieren. Man kann in diesem Zusammenhang also von einem konstruktivistischen Kommunikationsmodell sprechen. Das ist jedoch nur unsere private Nutzung, um die eigene Wahrnehmung möglichst objektiv darzustellen.

Komplexer wird das Thema „Wahrheit“, wenn man auf die Informationen, die einem präsentiert werden, angewiesen ist. Wir leben im Informationszeitalter. Informationen sind bares Geld wert und gelten heutzutage als das neue Gold. Wer welche Informationen zuerst hat und diese wann und wie ausspielt kann Großes bewirken oder auch bewusst Gegenteiliges im Sinn haben. Gerade die Kommunikationsbranche lebt und arbeitet mit dem Gut Information. Informationen, die immer häufiger nicht mehr der „Wahrheit“ entsprechen, weil sie

  1. vom Absender bereits irrtümlich falsch übermittelt werden oder schlichtweg erlogen sind und
  2. weil sie auf Grund von Überlastung und Zeitmangel am Arbeitsplatz oder stumpfer Faulheit nicht ausreichend verifiziert oder falsch verstanden werden.

 

Der in diesem Zusammenhang häufig verwendete Begriff „Hoax“ ist die Folge dieser Faktoren: Gerüchte, die nicht der Wahrheit entsprechen, aber aufgrund ihres attraktiven Informationsgehalts weitergetragen werden. Aber auch hier kann man lapidar sagen: „Ok. Hey, was soll’s – ein Gerücht eben.“ Richtig. Wirklich problematisch wird es jedoch, wenn Informationen bewusst falsch gesät werden, um Konkurrenten und andere Kontrahenten hinters Licht zu führen, oder andere Ziele zu verfolgen. Das nötige Instrumentarium ist bereits vorhanden und trifft auf eine informationsüberflutete und gehetzte Gesellschaft, die es zeitlich nicht mehr schafft, alle Meldungen richtig einzuordnen. Die Wahrheit ist in Gefahr.

Welche Gefahren birgt diese Entwicklung für Unternehmen bzw. Kommunikationsberater?

Die Gefahr liegt darin, dass alle – seien es nun Unternehmen, Berater oder Agenturen – Informationen aufnehmen, die zu bestimmten Handlungen führen und so weitreichende Konsequenzen für den Rezipienten und/oder dessen Umfeld haben. Der Trend hin zu überarbeiteten Inhalten hat erst begonnen. Darauf können sich die Unternehmen (und Berater) schon einmal einstellen. Das Verifizieren von Informationen wird wichtiger denn je – und dies gilt für die Zukunft umso mehr.

Was können Agenturen, Unternehmen und selbstständige Berater tun, um diesen Gefahren vorzubeugen?

Kritisch bleiben. Unternehmen sollten nicht bedingungslos Informationen vertrauen. Zugeschickte und aufgenommene Meldungen müssen die Mitarbeiter immer ausreichend prüfen und gegebenenfalls auch nachhaken. Diese Prüfung setzt jedoch einen entscheidenden Faktor voraus: ausreichend Zeit. Wenn ich die Zeit dazu habe, Informationen auch bewusst von Anfang bis Ende zu lesen, mir Gedanken dazu zu machen, und diese im weiteren Schritt auf Echtheit zu überprüfen, können Falschmeldungen und Manipulation miniert werden. Chefs, Vorgesetzte, Kunden und Mitarbeiter, aber auch Selbstständige sollten mehr Zeit einfordern, um eine inhaltliche Überprüfung zu ermöglichen. Mit dieser neu gewonnen Zeit lassen sich die Informationen richtig aufnehmen und mit unterschiedlichen Quellen abgleichen. Zu guter Letzt liegt es jedoch auch an dem Mitarbeiter selbst, sich bei dem nächsten Hype-Thema nicht von der Hysterie im Büro und im (social) Web anstecken zu lassen und sich die Zeit zum überlegtem Handeln geben.

Was denken Sie zu dem Thema „Unwahrheit im Netz“? Teilen Sie uns Ihre Meinung als Kommentar mit.

Mehr zu unserem Gastautor Lukas Adda:

Nach einigen Jahren Festanstellung in internationalen PR Agenturen stand die Entscheidung für Lukas „The Digital Guide“ Adda fest: er will ab jetzt sein eigenes Ding machen. Und das mit großem Erfolg: Sein Buch „Face to Face – Handbuch Facebook Marketing“ war so erfolgreich, dass sogar eine zweite, aktualisierte Auflage auf den Markt gebracht wurde. Mehr zum Thema „Wahrheit“ von Lukas Adda finden Sie auf seinem Blog.