Graubereich im Beruf: So definieren Sie Leistungsumfang und Verantwortungsbereiche eindeutig

16.02.2026 von Franz Kupfer

Von unklaren Aufgaben und Graubereichen im Berufsalltag zu klar definierten Tätigkeiten und fest abgegrenzten Verantwortungsbereichen. Genau dabei unterstützt Sie dieser Beitrag Schritt für Schritt.

Unsere Roadmap: Ursachen für Unklarheiten verstehen → Graubereiche und Grenzfälle erkennen → Leistungsabgrenzung formulieren → Haftungsrisiko reduzieren 

Wir zeigen Ihnen, welche Aufgaben tatsächlich zu Ihrem vereinbarten Auftrag gehören und welche Sie besser nicht „nebenbei“ übernehmen sollten. Anhand unserer Roadmap erfahren Sie, wie Sie Leistungen und Verantwortungsgrenzen klar und nachvollziehbar formulieren, sodass Erwartungen und Zuständigkeiten in Projekten eindeutig werden. Kurz gesagt: Weniger Missverständnisse im Alltag – mehr Kontrolle über Ihren eigenen Verantwortungsbereich.

Eine lächelnde Frau, die an einem Schreibtisch sitzt, erhält Unterlagen von einer anderen Person. Büroumgebung mit Pflanzen und Dokumenten an einer Holzwand, die Teamarbeit vermittelt.

Was gehört zu Ihrer beruflichen Tätigkeit – und was nicht?

-> Berufliche Leistung verstehen und abgrenzen

Im Berufsalltag ist selten alles so klar definiert, wie es in Angeboten oder Verträgen steht. Aufgaben entwickeln sich im Projektverlauf weiter, Kunden bitten um „kleine Zusatzleistungen“ und Kollegen springen kurzfristig füreinander ein. Genau hier entsteht die zentrale Frage: Was gehört eigentlich zu Ihrer beruflichen Tätigkeit – und was nicht? Eine saubere Abgrenzung entscheidet darüber, wer welche Verantwortung trägt, welche Erwartungen berechtigt sind und wo Ihr Leistungsauftrag endet. Ohne diese Klarheit entstehen Missverständnisse, unnötiger Zusatzaufwand und im Zweifel Konflikte über Zuständigkeiten.

Warum sind berufliche Tätigkeiten im Alltag oft nicht eindeutig abgegrenzt?

Im Berufsalltag entstehen unklare Tätigkeitsabgrenzungen vor allem durch:

  • Dynamik im Projektverlauf: Anforderungen verändern sich, neue Beteiligte kommen hinzu – und was zu Beginn als klar definierte berufliche Tätigkeit galt, wird im Laufe der Zusammenarbeit oft stillschweigend erweitert.
  • Pragmatische Zusammenarbeit: Aus Hilfsbereitschaft oder Routine werden Nebenleistungen im Beruf „kurz mit übernommen“, obwohl sie nicht ausdrücklich zum vereinbarten Leistungsumfang gehören.
  • Vertrauensbasierte Arbeitsbeziehungen: Entscheidungen werden getroffen, weil gerade niemand anderes zuständig oder erreichbar ist – dabei entsteht unbemerkt eigenständige Verantwortung im Beruf.
  • Zeitdruck im Arbeitsalltag: Statt bewusst zu prüfen, ob eine Aufgabe Teil des vereinbarten Verantwortungsbereichs im Beruf ist, wird sie direkt erledigt.
  • Unklare Auftraggeber-Erwartungen: Wenn Erwartungen nicht klar formuliert sind, entstehen schnell Graubereiche im Beruf und Interpretationsspielräume beim Leistungsumfang.

Diese Faktoren sind im Arbeitsalltag nachvollziehbar und sie entstehen trotz Dienstvertrag oder Werkvertrag. Sie führen dazu, dass sich Verantwortungsbereiche verschieben, typische Grenzfälle beruflicher Leistung entstehen und eine eindeutige Leistungsabgrenzung im Beruf erschwert wird.

Warum passieren Fehler im Berufsalltag trotz Erfahrung und Routine? Wie erkennen Sie Frühwarnzeichen rechtzeitig? Lesen Sie dazu unseren Beitrag Fehlerquellen in verschiedenen Berufen und erfahren Sie, wie Sie typische Ursachen systematisch reduzieren.

Was bedeutet „berufliche Tätigkeit“ in der Praxis?

Im Kern beschreibt Ihre berufliche Tätigkeit das, was Sie gegenüber dem Auftraggeber verbindlich leisten bzw. was Sie im Projekt oder Auftrag als Leistung schulden. Wer seine berufliche Tätigkeit definieren kann, schafft Klarheit darüber:

  • welche Ergebnisse erwartet werden,
  • welche Entscheidungen in den eigenen Verantwortungsbereich im Beruf fallen und
  • wie weit der Haftungsumfang im Beruf faktisch reicht.

In der Praxis lässt sich eine berufliche Tätigkeit über drei Elemente klar bestimmen:

  • Leistung (Ergebnis): Was liefern Sie konkret und anhand welcher Kriterien gilt die Leistung als abgeschlossen?
  • Verantwortung (Rolle): Wofür treffen Sie fachliche oder organisatorische Entscheidungen und wo beginnt Ihre eigenständige Verantwortung im Beruf?
  • Abgrenzung (Grenze): Was gehört ausdrücklich nicht zu Ihrem Auftrag und bleibt beim Auftraggeber oder bei Dritten?

Erst das Zusammenspiel dieser drei Punkte macht eine Tätigkeit eindeutig. Fehlt eine Ebene, entsteht Interpretationsspielraum. Damit entsteht ein Graubereich im Beruf, in dem sich Auftraggeber-Erwartungen und tatsächlicher Leistungsumfang leicht auseinanderentwickeln.

Woran erkennen Sie Kernleistung, Nebenleistung und Fremdleistung?

Für eine klare Leistungsabgrenzung im Beruf hilft eine einfache Unterscheidung in drei Leistungs-Kategorien. Sie zeigt, welche Aufgaben tatsächlich zu Ihrer Tätigkeit gehören und wo typische Grenzfälle beruflicher Leistung entstehen.

Kernleistung

Das ist der eigentliche Auftrag. Es handelt sich um die beauftragte Hauptleistung, für die Sie Ergebnis und Umsetzung steuern. Hier liegen die zentralen Entscheidungen, die Sie in Ihrem Verantwortungsbereich im Beruf treffen.

Nebenleistung

Das sind unterstützende Tätigkeiten rund um die Kernleistung, die häufig parallel übernommen werden. Dazu zählen Abstimmungen, kleinere Zusatzaufgaben, koordinierende Schritte oder ergänzende Hilfen. Hier entstehen viele Nebenleistungen im Beruf, die stillschweigend zur Erwartung werden, wenn sie nicht bewusst benannt und begrenzt werden.

Fremdleistung

Das sind Aufgaben, die eigentlich nicht zu Ihrer Rolle gehören. Dazu zählen Entscheidungen des Auftraggebers, Zuarbeiten anderer Dienstleister oder organisatorische Aufgaben außerhalb Ihrer Zuständigkeit. Wenn Sie solche Tätigkeiten dennoch übernehmen, erweitert sich Ihr faktischer Haftungsumfang im Beruf, weil Sie Verantwortung für Themen tragen, die nicht Teil Ihrer Kernleistung sind.

Franz Kupfer ist Head of Professional Indemnity, D&O & Events bei Hiscox
Eine einfache Prüffrage hilft im Alltag, Grenzfälle früh zu erkennen: Ist diese Aufgabe Teil des vereinbarten Ergebnisses oder übernehme ich sie zusätzlich? Wer diese Unterscheidung regelmäßig anwendet, kann den Leistungsumfang schneller klären und den Scope of Work definieren. So lassen sich Graubereiche im Beruf früh einordnen, bevor es zu Missverständnissen über Verantwortungsbereiche und die Erwartungshaltung des Auftraggebers kommt.
Franz KupferProduct Head für Professional Indemnity, D&O, Property & Event

Warum entstehen Unklarheiten über Verantwortungsbereiche?

Unklar abgegrenzte Verantwortungsbereiche gehören zu den häufigsten Ursachen für Graubereiche im Beruf. In einem Projekt-, Dienst- oder Werkvertrag ist in der Regel festgelegt, wer welche Aufgaben übernimmt. In der Praxis können sich Zuständigkeiten jedoch schrittweise verschieben. Erwartungen wachsen, Rollen verändern sich im Projektverlauf und Entscheidungen werden dort getroffen, wo gerade Handlungsspielraum besteht.

Unklarheiten entstehen meist dort, wo Erwartungen und Zuständigkeiten nicht eindeutig festgelegt sind.

Aus solchen Unklarheiten entwickeln sich typische Haftungsrisiken im Berufsalltag. Drei typische Mechanismen prägen diese Entwicklung besonders häufig:

Wer trägt wofür Verantwortung – und wer nicht?

Verantwortung im Berufsalltag entsteht an zwei Stellen:

  1. Durch den vereinbarten Leistungsumfang
  2. Zweitens durch tatsächliches Handeln

Sobald Sie Entscheidungen treffen, Informationen freigeben oder Abläufe steuern, übernehmen Sie eigenständige Verantwortung im Beruf. Das gilt auch dann, wenn diese Aufgaben ursprünglich nicht Teil des Auftrags waren. Gleichzeitig bleiben andere Aufgaben bewusst beim Auftraggeber. Dazu kann Folgendes zählen: 

  • strategische Entscheidungen,
  • interne Freigaben,
  • Bereitstellung von Inhalten oder
  • organisatorische Rahmenbedingungen. 

Werden diese Grenzen nicht belastbar benannt, entsteht ein Graubereich. Beide Seiten gehen von unterschiedlichen Zuständigkeiten aus. Der Haftungsumfang im Beruf verschiebt sich unbemerkt. Eine klare Leistungsabgrenzung reduziert das Risiko, dass Sie unbeabsichtigt Verantwortung übernehmen, die später haftungsrelevant wird.

Wie entstehen falsche Erwartungen beim Auftraggeber?

Die Erwartungshaltung des Auftraggebers entsteht nicht nur aus Angeboten oder Verträgen. Sie entsteht auch aus Verhalten. Wenn Sie Aufgaben mehrfach zusätzlich übernehmen, entsteht beim Gegenüber der Eindruck, dass diese Leistungen selbstverständlich dazugehören. Nebenleistungen im Beruf können so stillschweigend zur Kernleistung werden. Dadurch erweitern sich Verantwortungsbereiche, ohne dass dies ausdrücklich vereinbart wurde. Daraus entstehen typische Haftungsrisiken.

Falsche Erwartungen entstehen auch durch unpräzise Formulierungen. Begriffe wie Beratung, Betreuung, Begleitung oder Unterstützung lassen Interpretationsspielraum. Ohne klar definierten Leistungsumfang bleibt offen, was tatsächlich geschuldet ist. Im Streitfall wird genau dieser Interpretationsspielraum haftungsrelevant, weil nicht eindeutig belegt werden kann, welche Leistung vereinbart war. Im schlimmsten Fall können daraus Schadenersatzforderungen gegen Sie entstehen, obwohl Sie fachlich korrekt gearbeitet haben.

Wann übernehmen Sie unbemerkt eigenständige Verantwortung?

Eigenständige Verantwortung im Beruf entsteht häufig nicht durch eine bewusste Entscheidung, sondern durch situatives Handeln. Typische Situationen sind:

  • fehlende Ansprechpartner beim Auftraggeber,
  • Zeitdruck im Projekt oder
  • kurzfristige Entscheidungen, die getroffen werden müssen, um Fortschritt zu sichern. 

Wer in solchen Momenten definitive Entscheidungen fällt, übernimmt Verantwortung für Folgen und damit auch für mögliche Schäden. Auch wenn diese Entscheidung ursprünglich außerhalb des vereinbarten Leistungsumfangs liegt, kann dadurch ein neuer Verantwortungsbereich entstehen. Hier entwickeln sich typische Grenzfälle beruflicher Leistung. Bleiben diese unbeachtet, wachsen daraus haftungsrelevante Risiken, die erst sichtbar werden, wenn ein Projekt scheitert, Zusatzkosten entstehen oder Erwartungen enttäuscht werden.

Unser Tipp

  • Der Entscheidungs-Trick

    Stellen Sie sich vor, der Auftraggeber steht neben Ihnen und fragt: „Darf ich davon ausgehen, dass Sie dafür die Verantwortung übernehmen?“ Wenn Sie bei dieser Frage zögern, ist es wahrscheinlich nicht Teil Ihrer Kernleistung. Dann befinden Sie sich in einem Graubereich, der ein Haftungsrisiko im Beruf erzeugen kann.

Welche typischen Graubereiche gibt es im Berufsalltag?

Graubereiche im Beruf entstehen selten durch bewusste Fehlentscheidungen. Meist entwickeln sie sich aus gut gemeinter Unterstützung, pragmatischen Lösungen oder unklaren Zuständigkeiten. Genau dort verschwimmt der Verantwortungsbereich im Beruf. Bleibt dies unbeachtet, entstehen typische Haftungsrisiken, weil nicht mehr nachvollziehbar ist, wer wofür verantwortlich war. Vier Problemzonen treten in der Praxis besonders häufig auf:

1. Welche Gefälligkeitsleistungen führen in Graubereiche?

Gefälligkeitsleistungen entstehen aus Hilfsbereitschaft und Kundenorientierung. Sie übernehmen eine Aufgabe zusätzlich, geben eine schnelle Einschätzung oder erledigen etwas außerhalb des vereinbarten Leistungsumfangs, um den Auftraggeber zu entlasten.

„Der Kunde ist König“: sinnvoll oder Haftungsrisiko?

„Der Kunde ist König“ ist als Haltung sinnvoll, weil sie Zusammenarbeit erleichtert und Vertrauen schafft. Zum Haftungsrisiko wird es, wenn Sie aus Kundenorientierung zusätzliche Aufgaben übernehmen, ohne den Leistungsumfang eindeutig zu klären. Dann entstehen Erwartungen, die Ihren Verantwortungsbereich schleichend erweitern. Im Konfliktfall kann dies haftungsrelevant werden, weil nicht mehr klar ist, ob die Leistung geschuldet war oder freiwillig erfolgte.

2. Welche Nebenaufgaben werden häufig „nebenbei“ übernommen?

Nebenaufgaben entstehen häufig in Übergängen im Projektalltag. Typische Beispiele sind:

  • Sie koordinieren Termine
  • Sie strukturieren Inhalte
  • Sie treffen kleinere organisatorische Entscheidungen
  • Sie übernehmen Abstimmungen zwischen Beteiligten

Diese Tätigkeiten wirken unterstützend und pragmatisch. Werden sie jedoch regelmäßig übernommen, entsteht daraus eigenständige Verantwortung im Beruf, oft ohne, dass der Leistungsumfang ausdrücklich erweitert wurde. Hier entstehen typische Grenzfälle beruflicher Leistung. Bleibt der Leistungsumfang unklar, erweitert sich der Haftungsumfang im Beruf unbemerkt.

3. Wo bleiben Zuständigkeiten ungeklärt?

Ungeklärte Zuständigkeiten entstehen häufig in Projekten mit mehreren Beteiligten. Auftraggeber, externe Dienstleister und interne Teams arbeiten parallel. Wenn nicht klar festgelegt ist, wer Entscheidungen trifft oder Ergebnisse freigibt, entstehen Lücken. In solchen Situationen übernehmen oft diejenigen Verantwortung, die gerade verfügbar sind. Dadurch verschiebt sich der Verantwortungsbereich. Im Streitfall wird diese Unklarheit haftungsrelevant, weil nicht belegt werden kann, wer welche Aufgabe übernehmen sollte. 

4. Wann arbeiten Sie außerhalb Ihres Kompetenzbereichs?

-> Kennen Sie diese Situation? Sie werden gebeten, Themen zu übernehmen, die nicht Ihrem fachlichen Kompetenzbereich entsprechen. Dies kann aus Vertrauen geschehen oder aus Zeitdruck. Sie treffen dann Entscheidungen auf Feldern, die eigentlich anderen Rollen oder Fachdisziplinen zugeordnet sind.

-> Wichtig für Sie zu wissen: Sobald Sie solche Aufgaben übernehmen, entsteht eigenständige Verantwortung im Beruf. Kommt es zu Fehlern oder Fehlentscheidungen, kann daraus ein Haftungsrisiko entstehen, weil Leistungen erbracht wurden, die außerhalb des vereinbarten Leistungsumfangs lagen.

Die Infografik zeigt, dass bislang sehr viel Unsicherheit über KI-Risiken herrscht und nur ein kleiner Teil der Unternehmen hier abgesichert ist.

Stichwort KI und neue digitale Risiken:

Ungeklärte Zuständigkeiten können bei neuen Tools wie KI-Applikationen auftreten, die kurzfristig in Projekte integriert werden. Die Hiscox KI-Umfrage 2025 zeigt, wie groß die Unsicherheit bei der Einordnung neuer Technologien bereits ist. 46 Prozent der Befragten geben an, nicht zu wissen, ob ihr Unternehmen gegen Risiken aus dem Einsatz von KI versichert ist. Genau diese Unsicherheit verstärkt Graubereiche im Berufsalltag, weil sich Leistungsumfang und Verantwortungsbereich verschieben, sobald neue Tools oder KI-Funktionen kurzfristig in Projekte integriert werden.

Wann kippt eine Aufgabe in einen kritischen Grenzfall?

Im Berufsalltag entstehen viele Grenzfälle nicht durch bewusstes Überschreiten von Zuständigkeiten, sondern durch situative Entscheidungen. Sie unterstützen, springen ein oder treffen eine schnelle Entscheidung, um den Projektfluss aufrechtzuerhalten. Genau in diesen Momenten kann aus hilfreicher Unterstützung eine eigene berufliche Leistung werden. Bleibt diese Entwicklung unbeachtet, entsteht ein haftungsrelevanter Grenzfall, weil Verantwortung übernommen wird, ohne dass der Leistungsumfang angepasst wurde.

Welche Zusagen erweitern Ihren Verantwortungsbereich?

Viele Grenzfälle beginnen mit einer Zusage. Typische Zusagen, aus denen Grenzfälle entstehen sind:

  • „Ich erledige das schnell mit.“
    Von Ihnen gemeint ist eine kleine Unterstützung. Tatsächlich übernehmen Sie eine zusätzliche Aufgabe, die später als feste Leistung erwartet wird. Wird sie nicht oder verspätet erbracht, entsteht schnell die Frage, ob Sie dafür verantwortlich waren.
  • „Ich behalte das für Sie im Blick.“
    Was von Ihnen als freundlicher Service beginnt, wird zur faktischen Überwachungspflicht. Bleibt später eine Frist unbeachtet oder wird ein Problem zu spät erkannt, kann daraus ein haftungsrelevanter Vorwurf werden, weil von Ihnen Kontrolle erwartet wurde.
  • „Ich prüfe das kurz und gebe Ihnen Bescheid.“
    Aus einer schnellen Einschätzung von Ihnen wird eine fachliche Prüfung. Verlässt sich der Auftraggeber auf Ihre Rückmeldung, macht er Sie möglicherweise verantwortlich für etwaige Fehler oder übersehene Risiken.

Ihre Zusage – Ihr Haftungsrisiko

Sobald der Auftraggeber sich auf diese Zusagen verlässt, entsteht eine neue Erwartungshaltung. Wird diese Erwartung später nicht erfüllt, kann dies als Pflichtverletzung gewertet werden. Falls Ihrem Kunden aus dieser Situation ein finanzieller Schaden entsteht, kann es zur Frage nach der Haftung kommen. Dies birgt für Sie typische Haftungsrisiken, auch wenn die ursprüngliche Zusage als kleine Unterstützung gedacht war.

Wann wird aus kurzer Unterstützung eine eigene Leistung?

Kurzfristige Unterstützung ist im Projektalltag normal. Sie beantworten Rückfragen, geben Empfehlungen oder treffen eine Zwischenentscheidung. Wird diese Unterstützung regelmäßig in Anspruch genommen, verändert sich ihre Bedeutung. Aus gelegentlicher Hilfe wird eine etablierte Leistung. In diesem Moment entsteht eigenständige Verantwortung im Beruf. Wird der Leistungsumfang nicht entsprechend dokumentiert und angepasst, entsteht ein Graubereich. 

-> Haftungsrisiko: Kommt es später zu Fehlern oder Verzögerungen, kann Ihrem Kunden daraus ein finanzieller Schaden entstehen, ein so genannter Vermögensschaden. Oft ist dann nicht eindeutig festgelegt, ob diese Leistung überhaupt zu Ihrem Auftrag gehörte. Daraus kann eine Streitfrage werden, ob Ihr Handeln haftungsrelevant war.

Welche Situationen erzeugen typische Grenzfälle?

Kritische Grenzfälle in Ihrer beruflichen Verantwortung entstehen besonders häufig in diesen Situationen:

  • Zeitdruck: Entscheidungen werden getroffen, weil es schnell gehen muss.
  • Fehlende Ansprechpartner: Der Auftraggeber ist nicht erreichbar, trotzdem müssen Entscheidungen fallen.
  • Parallele Zuständigkeiten: Mehrere Dienstleister arbeiten gleichzeitig, ohne dass Freigabeprozesse klar geregelt sind.
  • Verfügbarkeit statt Zuständigkeit: Verantwortung übernehmen oft diejenigen, die gerade verfügbar sind.
  • Verschiebung des Verantwortungsbereichs: Das hält Projekte kurzfristig am Laufen, verändert aber langfristig Zuständigkeiten.

Ein haftungsrelevanter Grenzfall entsteht häufig dann, wenn die Leistungsabgrenzung unklar bleibt. Er wird oft erst sichtbar, wenn Erwartungen enttäuscht werden oder ein finanzieller Schaden entsteht.

Die häufigsten Schadenfälle in der Berufswelt: Schadensarten, Schadenhergang, Regress, Fehlberatung uvm. Lesen Sie unseren Beitrag Die häufigsten Schadenfälle in der Berufswelt.

Wie grenzen Sie Leistungen und Verantwortungsbereiche klar ab?

Lösung: Scope of Work (Leistungsumfang) und Leistungsabgrenzung

Graubereiche und Grenzfälle lassen sich im Berufsalltag nicht vollständig vermeiden. Sie lassen sich jedoch deutlich reduzieren, wenn Leistungsumfang und Verantwortungsbereiche von Beginn an klar definiert werden. Entscheidend ist, dass Auftraggeber und Auftragnehmer dasselbe Verständnis davon haben, was geschuldet ist, wer wofür verantwortlich bleibt und wo Aufgaben bewusst enden. Genau diese Klarheit senkt Haftungsrisiken im Beruf, bevor ein Konflikt oder finanzieller Schaden entsteht.

Wie definieren Sie Leistungsumfang und Ergebnis so klar, dass es keine Interpretationsspielräume gibt?

Der Leistungsumfang in der Zusammenarbeit mit einem Kunden oder Auftraggeber beschreibt im Allgemeinen: 

  • Welche Ergebnisse Sie liefern
  • Welche fachlichen oder organisatorischen Entscheidungen in Ihrem Verantwortungsbereich liegen
  • Welche Tätigkeiten ausdrücklich nicht Teil des Auftrags sind
  • Welche Qualitäts- oder Abnahmekriterien gelten
  • Welche Mitwirkungspflichten beim Auftraggeber liegen
  • Welche Grenzen bei Zeit, Budget oder Ressourcen bestehen

In der Praxis genügt es nicht, Leistungen allgemein zu benennen. Erst die Konkretisierung des Ergebnisses macht eine Tätigkeit eindeutig. Wenn Ergebnis und Qualitätsmaßstab klar beschrieben sind, entsteht weniger Raum für unterschiedliche Erwartungen. Gleichzeitig wird deutlich, welche Aufgaben nicht Teil des Auftrags sind. Diese Form der Leistungsabgrenzung reduziert spätere Diskussionen darüber, ob eine bestimmte Tätigkeit geschuldet war. Genau hier werden viele Haftungsrisiken im Beruf bereits im Ansatz entschärft.

Unser Tipp: Stellen Sie sich bei jeder Aufgabe eine einfache Frage:
Woran erkennt der Auftraggeber konkret, dass Ihre Leistung abgeschlossen ist?

Kann diese Frage nicht präzise beantwortet werden, bleibt offen, was genau geschuldet ist. Genau dann entsteht Interpretationsspielraum. Eine klare Beschreibung des Ergebnisses hilft Ihnen, Erwartungen abzugleichen, Verantwortungsbereiche festzulegen und spätere Haftungsrisiken zu reduzieren.

Wie grenzen Sie Nebenleistungen und Zusatzwünsche ab, ohne die Zusammenarbeit zu belasten?

Nebenleistungen gehören zum Berufsalltag. Diese zusätzlichen Dienste unterstützen Projekte, stärken Kundenbeziehungen und erleichtern Abläufe. Problematisch wird es erst, wenn Nebenleistungen stillschweigend zur Kernleistung werden. Ein wirkungsvoller Ansatz ist, Nebenleistungen ausdrücklich als ergänzende Unterstützung zu benennen. So bleibt erkennbar, dass diese Tätigkeiten nicht automatisch Teil des vereinbarten Leistungsumfangs sind.

Konkretes Vorgehen bei Nebenleistungen und Zusatzwünschen:

  1. Nebenleistung benennen
    Sagen Sie klar, dass es sich um eine zusätzliche Unterstützung handelt und nicht um den vereinbarten Leistungsumfang.
  2. Kurz prüfen, ob es noch zum Auftrag gehört
    Stellen Sie eine einfache Einordnungsfrage: Gehört das zum vereinbarten Ergebnis oder ist es eine Erweiterung.
  3. Auswirkung in einem Satz festhalten
    Wenn es eine Erweiterung ist, nennen Sie kurz die Auswirkung auf Zeit, Kosten oder Prioritäten.
  4. Entscheidung einholen und dokumentieren
    Bitten Sie um eine kurze Bestätigung, bevor Sie umsetzen. Eine E Mail oder ein Ticket reicht.

Diese offene Kommunikation schützt die Zusammenarbeit mit Ihrem Auftraggeber. Gleichzeitig verhindert sie, dass sich der Verantwortungsbereich unbemerkt erweitert und daraus ein Haftungsrisiko entsteht, weil Aufgaben oder Rollen übernommen wurden, die nie vereinbart waren.

Unser Praxis-Tipp: Standardvorlagen für Nebenleistungen, Änderungen in Entscheidungen und Rollen

Change Request Kurzformular: Für Zusatzwünsche und Nebenleistungen.

Inhalt:

  • Was soll zusätzlich übernommen werden
  • Gehört dies zum bestehenden Auftrag oder ist es eine Erweiterung
  • Auswirkung auf Zeit, Budget oder Priorität
  • Bestätigung durch den Auftraggeber

Zweck: Verhindert, dass Zusatzleistungen stillschweigend zur Kernleistung werden.

Leistungsumfang Kurznotiz: Für Projektstart oder Zwischenschärfung.

Inhalt:

  • Vereinbarte Ergebnisse
  • Nicht enthaltene Leistungen
  • Abnahmekriterien
  • Zuständigkeiten beim Auftraggeber

Zweck: Schafft klare Leistungsabgrenzung und reduziert spätere Haftungsrisiken.

Decision Note: Für Entscheidungen und Zusagen.

Inhalt:

  • Was wurde entschieden
  • Wer hat entschieden
  • Wofür gilt die Entscheidung
  • Ab wann gilt sie

Zweck: Macht Verantwortungsübernahme nachvollziehbar.

ollen- und Zuständigkeitsübersicht: Auch als einfache Tabelle möglich.

Inhalt:

  • Aufgabe
  • Wer führt aus
  • Wer entscheidet
  • Wer liefert zu

Zweck: Verhindert ungeklärte Zuständigkeiten und Graubereiche.

Abnahme- oder Freigabeprotokoll: Für Übergaben und Abschluss.

Inhalt:

  • Gelieferte Leistung
  • Offene Punkte
  • Bestätigung des Auftraggebers

Zweck: Belegt, wann eine Leistung als erbracht gilt.

Wie können Sie aktiv Verantwortungsbereiche im Projektalltag steuern?

Auch wenn Leistungsumfang und Zuständigkeiten zu Beginn klar festgelegt wurden, verändern sich Projekte im Verlauf. Anforderungen wachsen, Beteiligte wechseln und neue Aufgaben entstehen. Ohne aktive Steuerung verschwimmen Verantwortungsbereiche erneut. Genau hier entstehen spätere haftungsrelevante Grenzfälle. Wie können Sie aktiv die Verantwortung in Projekten steuern?

  • Steuerungspunkte im Projektverlauf: Dazu gehören feste Entscheidungswege, klare Freigabepunkte und kurze Statusabgleiche. Sie sorgen dafür, dass neue Aufgaben, Zusatzwünsche oder ungeplante Entscheidungen nicht stillschweigend in Ihren Verantwortungsbereich rutschen.
  • Mitwirkungspflicht des Auftraggebers: Wenn Entscheidungen, Inhalte oder Freigaben fehlen, sollten Projekte bewusst pausieren, statt Aufgaben ersatzweise zu übernehmen. So bleibt Verantwortung dort, wo sie vereinbart wurde.

Aktive Steuerung bedeutet deshalb nicht mehr Bürokratie. Sie bedeutet, Verantwortung sichtbar zu halten. Genau dadurch lassen sich Graubereiche begrenzen und Haftungsrisiken im Berufsalltag deutlich reduzieren.

Wie man berufliche Haftungsrisiken systematisch erkennt, bewertet und minimiert, bevor sie zum Schadensfall werden, lesen Sie hier: Berufshaftpflicht und Risikomanagement im Arbeitsalltag.

Warum ist eine Berufshaftpflicht bei unklar abgegrenzten Tätigkeiten wichtig?

Auch wenn Leistungen und Verantwortungsbereiche bewusst definiert werden, lassen sich Graubereiche im Berufsalltag nicht vollständig vermeiden. Denn: Projekte verändern sich, Erwartungen entwickeln sich weiter und Entscheidungen müssen oft kurzfristig getroffen werden. Dort entstehen haftungsrelevante Situationen, in denen später nicht eindeutig nachvollziehbar ist, ob eine Aufgabe Teil des Auftrags war oder zusätzlich übernommen wurde. In solchen Fällen wird die Berufshaftpflicht zu einer wichtigen Absicherungsebene.

Die Berufshaftpflichtversicherung von Hiscox deckt dabei grundsätzlich alle branchentypischen Tätigkeiten ab, die im Zusammenhang mit Ihrer Haupttätigkeit ausgeübt werden. Wichtig ist jedoch, bei der Wahl der Versicherung auch auf eine offene Deckung zu achten. Ist der Tätigkeitsbereich in den Bedingungen zu eng beschrieben, etwa wenn nur Programmierfehler genannt werden und andere Tätigkeiten wie Abstimmungen oder Projektmanagement fehlen, können im Schadenfall Lücken entstehen. Dann wären zum Beispiel Verzögerungen durch verspätete Abstimmungen oder allgemeinen Projektverzug nicht mitversichert.

Eine offene Deckung schafft hier Klarheit und Sicherheit - ersetzt jedoch nicht die Notwendigkeit, Aufgaben klar zu definieren und Verantwortungsbereiche aktiv zu steuern.

Im Beitrag Versicherungssummen & Risikoanalyse erfahren Sie, wie Sie berufliche Risiken realistisch bewerten und Schadenpotenziale ableiten - inklusive Methoden wie Worst-Case, Risikomatrix und Szenarienplanung.

Warum erhöhen unklar abgegrenzte Tätigkeiten das Haftungsrisiko im Berufsalltag?

Unklar abgegrenzte Tätigkeiten erzeugen Interpretationsspielraum. Der Auftraggeber geht von einer bestimmten Verantwortung aus, während Sie von einer anderen Leistungsgrenze ausgehen. Kommt es zu Fehlern, Verzögerungen oder Zusatzkosten, entsteht schnell die Frage, wer dafür verantwortlich war.

„Wer ist verantwortlich?“

Fehlt eine klare Leistungsabgrenzung, kann eine solche Situation haftungsrelevant werden. Aus einem Missverständnis über Zuständigkeiten entwickelt sich dann ein Haftungsrisiko, das im Streitfall zu einem finanziellen Schaden führen kann. Gerade bei wissensbasierten Dienstleistungen entsteht Haftung häufig durch fachliche Fehler sowie durch unterschiedliche Erwartungen an den Leistungsumfang.

Die Infografik zeigt, wie viel mangelndes Wissen bei keinen Unternehmen in Deutschland herrscht über den genauen Umfang von Absicherungen in verschiedenen Bereichen.

Wie unterstützt die Berufshaftpflichtversicherung eine klare Leistungsabgrenzung in Graubereichen?

Schon gewusst? Laut dem Hiscox Protection Gap Report 2025 wissen nur rund 16 Prozent der Unternehmen genau, welche Risiken ihre Berufshaftpflicht tatsächlich abdeckt. Das zeigt ein deutliches Wissensdefizit bei Deckung und Leistungsumfang. Die Folge ist, dass Risiken im Berufsalltag häufig falsch eingeschätzt werden und im Ernstfall unerwartete Lücken oder falsche Erwartungen entstehen können.

  • Das zeigt: Der Nutzen einer Berufshaftpflicht beginnt nicht erst im Schadenfall, sondern bereits vor dem Abschluss.
  • Konkret: Beim Antrag wird Ihre berufliche Tätigkeit beschrieben, dazu werden Leistungsbereiche, typische Aufgaben und mögliche Risiken abgefragt, damit das Haftungsprofil richtig eingeordnet werden kann.
  • Ihr Vorteil: Dieser Schritt schärft häufig erstmals Ihren Blick für Graubereiche und Verantwortungsgrenzen im Berufsalltag, weil klarer wird, was zu Ihrem Auftrag gehört und wo Haftungsrisiken entstehen können.

Wie unterstützt die Berufshaftpflicht, wenn trotz Abgrenzung Konflikte oder Ansprüche entstehen?

Auch bei guter Leistungsabgrenzung lassen sich Konflikte nicht immer vermeiden. Erwartungen können auseinanderlaufen, Projekte können scheitern oder Entscheidungen können im Nachhinein infrage gestellt werden. In solchen Situationen entstehen häufig Schadenersatzforderungen oder rechtliche Auseinandersetzungen. Die Berufshaftpflicht übernimmt in solchen Fällen die Prüfung von Ansprüchen und die Abwehr unberechtigter Forderungen. Kommt es zu einem berechtigten Anspruch, schützt sie Sie vor den finanziellen Folgen des Schadens und bezahlt die Forderungen. Grundsätzlich gilt bei Hiscox, dass alle branchentypischen Tätigkeiten, die zu Ihrer Haupttätigkeit gehören, abgedeckt sind. Das ist ein besonderer Vorteil, denn bei vielen anderen Versicherern wird der Tätigkeitsbereich deutlich enger definiert, was im Schadenfall zu Versicherungslücken führen kann.

  • Hiscox-Tipp: Je klarer Leistungsumfang und Verantwortungsbereiche im Vorfeld beschrieben wurden, desto einfacher lässt sich im Konfliktfall nachvollziehen, welche Verantwortung tatsächlich übernommen wurde.

Checklisten: Graubereiche erkennen und Haftungsrisiken reduzieren

Graubereiche entstehen selten durch fehlendes Wissen, sondern durch fehlende Routinen. Die folgenden Checklisten helfen Ihnen, Tätigkeiten im Berufsalltag eindeutig einzuordnen, Verantwortungsbereiche bewusst zu steuern und typische Haftungsrisiken früh zu erkennen. 

Die Grundidee ist einfach: Nicht jedes Projekt braucht neue Regeln. Wenige wiederkehrende Prüfpunkte reichen aus, um Verantwortungsgrenzen stabil zu halten.

Checkliste 1: Gehört die Aufgabe zu Ihrer beruflichen Tätigkeit oder ist es ein Graubereich mit Haftungsrisiko?

Nutzen Sie diese Fragen immer dann, wenn neue Aufgaben auftauchen oder Zusatzwünsche kommen. Nutzen Sie sie auch, wenn Sie kurzfristig etwas übernehmen sollen. Ziel ist, schnell zu erkennen, ob Sie innerhalb Ihres vereinbarten Auftrags handeln. Ziel ist auch, ob Sie zusätzliche Verantwortung übernehmen.

Auftrag und Ergebnis
☐ Ist die Aufgabe Teil des vereinbarten Ergebnisses, das der Auftraggeber von Ihnen erwartet? Ist das Ergebnis so beschrieben, dass es nicht zur Auslegungssache wird?
☐ Wurde diese Aufgabe ausdrücklich beauftragt, angeboten oder als Bestandteil des Leistungsumfangs bestätigt? Gibt es dazu eine nachvollziehbare Grundlage, die auffindbar bleibt?
☐ Gibt es eine Grundlage dafür, woran „erledigt“ und „abgeschlossen“ gemessen wird? Ist klar, welche Abnahmekriterien oder Qualitätsmaßstäbe gelten?

Verantwortung und Entscheidungszuständigkeit
☐ Liegt die Entscheidung in Ihrem fachlichen Verantwortungsbereich? Oder wäre sie eigentlich beim Auftraggeber angesiedelt?
☐ Entsteht durch die Aufgabe eine neue Rolle, zum Beispiel Kontrolle, Freigabe, Koordination oder Entscheidung? War diese Rolle vorher nicht vorgesehen?

Einordnung der Tätigkeit
☐ Ist eindeutig, ob diese Aufgabe zur Kernleistung gehört, eine Nebenleistung ist oder eine Fremdleistung wäre? Ist diese Einordnung auch für den Auftraggeber nachvollziehbar?
☐ Gibt es bereits ähnliche Situationen, in denen diese Aufgabe einfach mitlief? Ist sie dadurch möglicherweise zur Erwartung geworden?

Erwartungshaltung und Folgen
☐ Ist dem Auftraggeber klar, dass Sie diese Aufgabe übernehmen? Sind ihm auch die Konsequenzen für Zeitplan, Prioritäten oder Budget klar?
☐ Würde der Auftraggeber Sie verantwortlich machen, wenn hier ein Fehler entsteht? Würde er Sie auch verantwortlich machen, wenn eine Verzögerung oder ein finanzieller Schaden entsteht?
☐ Können Sie in einem Satz erklären, warum diese Aufgabe Teil Ihres Auftrags ist? Oder müssen Sie dabei gedanklich konstruieren?

  • Praxis Tipp: Wenn Sie bei mehreren Punkten zögern, liegt die Aufgabe sehr wahrscheinlich im Graubereich. Dann lohnt sich ein kurzer Abgleich, bevor Sie handeln, weil genau hier später Streit über Zuständigkeiten und Haftungsrelevanz entsteht.

Checkliste 2: Warnsignale, dass sich Ihr Verantwortungsbereich verschiebt

Diese Liste ist Ihr Frühwarnsystem. Sie hilft, typische Situationen zu erkennen, in denen Verantwortung nicht durch Vertrag, sondern durch Gewohnheit wächst. Sie hilft auch bei Zeitdruck oder pragmatischem Handeln. Genau hier entstehen häufig haftungsrelevante Grenzfälle.

Zusagen ohne Einordnung
☐ Zusagen wie „Ich kümmere mich darum“, „Ich behalte das im Blick“ oder „Ich prüfe das kurz“. Es fehlt dabei eine klare Einordnung in den Leistungsumfang.
☐ Zusagen werden gemacht, weil es schnell gehen muss. Es wird nicht festgehalten, ob es Kernleistung oder Nebenleistung ist.

Wiederholung wird zur Erwartung
☐ Wiederkehrende Zusatzaufgaben, die nicht als Erweiterung bestätigt wurden. Sie werden aber regelmäßig erwartet.
☐ Zusatzwünsche werden umgesetzt, obwohl unklar ist, ob dadurch Prioritäten, Termine oder Umfang verändert werden. Es bleibt auch unklar, ob daraus ein neuer Leistungsumfang entsteht.

Entscheidungslücken und Erreichbarkeit
☐ Entscheidungen werden getroffen, weil der Auftraggeber nicht erreichbar ist. Die Entscheidung liegt eigentlich bei ihm.
☐ Der Auftraggeber liefert Inhalte, Daten oder Entscheidungen zu spät. Sie überbrücken das, indem Sie ersatzweise selbst entscheiden.

Unklare Rollen, Übergaben, Nachweise
☐ Mehrere Beteiligte arbeiten parallel. Es ist nicht klar, wer entscheidet, wer freigibt und wer für Folgen einsteht.
☐ Es gibt viele Übergaben zwischen Teams oder Dienstleistern. Es gibt aber keine klare Regel, wer an Schnittstellen welche Verantwortung trägt.
☐ Freigaben erfolgen mündlich oder in Chatnachrichten. Sie sind später nicht auffindbar zusammengefasst.
☐ Im Projekt entstehen neue Tools oder neue Arbeitsweisen, zum Beispiel durch KI, Automatisierung oder neue Plattformen. Niemand klärt, wer dafür verantwortlich ist.

  • Praxis Tipp: Wenn mehrere Warnsignale gleichzeitig auftreten, ist das weniger ein Einzelfall und eher ein Muster. Dann steigt das Haftungsrisiko typischerweise nicht wegen fehlender Kompetenz, sondern wegen fehlender Klarheit über Rollen, Grenzen und Nachweise.

Checkliste 3: Leistungsumfang, Zuständigkeiten und Nachweise so festhalten, dass es im Konfliktfall nachvollziehbar bleibt

Diese Checkliste bündelt alles, was Sie brauchen, um Interpretationsspielräume klein zu halten. Sie ersetzt keine langen Verträge. Sie sorgt dafür, dass Ergebnis, Verantwortung und Grenzen im Alltag sichtbar bleiben. Das ist besonders hilfreich, wenn später geprüft wird, ob eine Leistung geschuldet war. Es ist auch hilfreich, wer entschieden hat und welche Mitwirkungspflichten bestanden.

Ergebnis und Abnahme
☐ Ergebnisse sind konkret beschrieben. Sie sind nicht nur als Thema formuliert, sondern als nachvollziehbarer Output.
☐ Qualitäts oder Abnahmekriterien sind benannt. Damit wird „fertig“ nicht zur Auslegungssache.

Grenzen des Auftrags
☐ Nicht enthaltene Leistungen sind ausdrücklich genannt. So werden Nebenleistungen nicht stillschweigend zur Kernleistung.
☐ Grenzen bei Zeit, Budget oder Ressourcen sind benannt. So rutschen Zusatzwünsche nicht kostenlos in den Auftrag.

Rollen, Verantwortung, Mitwirkungspflichten
☐ Zuständigkeiten sind geklärt. Dazu gehört, wer entscheidet, wer freigibt und wer zuliefert.
☐ Mitwirkungspflichten des Auftraggebers sind definiert. Dazu zählen Inhalte, Daten, Freigaben, Ansprechpartner und Fristen.
☐ Wenn Auftraggeber Inputs fehlen, wird bewusst pausiert oder eskaliert. Es wird nicht ersatzweise Verantwortung übernommen.

Änderungen, Entscheidungen, Dokumentation
☐ Es gibt einen klaren Umgang mit Zusatzwünschen. Dazu gehört die Frage, ob es noch zum Auftrag gehört oder eine Erweiterung ist.
☐ Entscheidungen werden mit Verantwortlichem und Zeitpunkt festgehalten. So bleibt klar, wer wofür Verantwortung übernommen hat.
☐ Freigaben werden so dokumentiert, dass sie später auffindbar sind. Das kann per E-Mail, Ticket oder kurzer Entscheidungsnotiz passieren.
☐ Im Projektverlauf gibt es feste Punkte für kurze Statusabgleiche. Dabei geht es um offene Entscheidungen, Umfang und Prioritäten.

  • Praxis Tipp: Wenn Sie im Nachhinein in zwei Minuten erklären können, was vereinbart war, wer entschieden hat und woran die Leistung als erbracht gilt, sind Sie deutlich besser gegen Missverständnisse und haftungsrelevante Streitfragen aufgestellt.

Fazit: Klarheit schlägt Graubereich

Graubereiche entstehen nicht durch fehlende Kompetenz, sondern durch Aufgaben, die sich im Alltag stillschweigend ausweiten. Wer Leistungsumfang und Verantwortungsbereiche früh festlegt und bei Zusatzwünschen konsequent einordnet, reduziert Missverständnisse und senkt das Haftungsrisiko spürbar. Jede Zusage kann Verantwortung auslösen, deshalb lohnt sich eine klare Abgrenzung, bevor aus einem Graubereich ein Konflikt oder ein Vermögensschaden wird.

FAQs: Tätigkeiten im Graubereich und berufliche Verantwortung

Was zählt grundsätzlich zu meiner beruflichen Tätigkeit?

Zu Ihrer beruflichen Tätigkeit gehört alles, was Sie gegenüber dem Auftraggeber verbindlich zugesagt haben. Entscheidend sind das vereinbarte Ergebnis, die übernommenen fachlichen Entscheidungen und die festgelegten Zuständigkeiten. Alles, was darüber hinausgeht, ist nicht automatisch Teil Ihres Auftrags.

Wann entsteht ein Graubereich im Beruf?

Ein Graubereich entsteht, wenn nicht eindeutig festgelegt ist, ob eine Aufgabe zum vereinbarten Leistungsumfang gehört. Typisch sind Zusatzwünsche, Gefälligkeitsleistungen oder Entscheidungen, die aus Zeitdruck übernommen werden. Genau hier verschwimmen Verantwortungsgrenzen.

Was ist der Unterschied zwischen Kernleistung und Nebenleistung?

Die Kernleistung ist die beauftragte Hauptleistung, für die Sie Ergebnis und Umsetzung steuern. Nebenleistungen sind unterstützende Tätigkeiten rund um den Auftrag. Problematisch wird es, wenn Nebenleistungen stillschweigend als selbstverständlich erwartet werden.

Wann übernehme ich eigenständige Verantwortung im Beruf?

Immer dann, wenn Sie Entscheidungen treffen, Abläufe steuern oder Ergebnisse freigeben. Das gilt auch, wenn diese Aufgaben ursprünglich nicht Teil Ihres Auftrags waren. Eigenständige Verantwortung kann so unbemerkt entstehen.

Warum sind Graubereiche haftungsrelevant?

Weil im Konfliktfall geprüft wird, ob eine bestimmte Leistung geschuldet war. Ist der Leistungsumfang unklar, entsteht Interpretationsspielraum. Daraus können Haftungsrisiken entstehen, selbst wenn fachlich korrekt gearbeitet wurde.

Wie erkenne ich früh, ob ich mich in einem Grenzfall befinde?

Eine einfache Prüffrage hilft: Ist diese Aufgabe Teil des vereinbarten Ergebnisses oder übernehme ich sie zusätzlich? Wenn Sie zögern, befindet sich die Aufgabe meist im Graubereich.

Wie verhindere ich, dass Nebenleistungen zur Kernleistung werden?

Benennen Sie Nebenleistungen ausdrücklich als zusätzliche Unterstützung. Prüfen Sie bei Zusatzwünschen kurz, ob es noch zum Auftrag gehört. Holen Sie bei Erweiterungen eine kurze Bestätigung des Auftraggebers ein.

Welche Rolle spielt die Tätigkeitsbeschreibung beim Abschluss einer Berufshaftpflicht?

Beim Antrag müssen Sie Ihre berufliche Tätigkeit und typische Aufgaben beschreiben. Dadurch wird sichtbar, welche Leistungen zum Auftrag gehören und wo mögliche Haftungsrisiken liegen. Dieser Schritt schärft oft erstmals den Blick für Graubereiche.

Deckt die Berufshaftpflicht automatisch alle Tätigkeiten ab?

Nein. Versichert ist das, was Ihrer beschriebenen beruflichen Tätigkeit entspricht. Werden zusätzliche Leistungen übernommen, die nicht eingeordnet wurden, kann eine Deckungslücke entstehen. Deshalb ist eine klare Tätigkeitsbeschreibung wichtig.

Was passiert, wenn trotz Abgrenzung ein Konflikt entsteht?

Kommt es zu Schadenersatzforderungen, prüft die Berufshaftpflicht die Ansprüche und wehrt unberechtigte Forderungen ab. Bei berechtigten Ansprüchen schützt sie vor finanziellen Folgen.

Warum entstehen durch neue Technologien wie KI zusätzliche Graubereiche?

Weil neue Tools oft kurzfristig in Projekte integriert werden. Dabei bleibt häufig unklar, ob deren Nutzung Teil des vereinbarten Leistungsumfangs ist und wer für Ergebnisse verantwortlich bleibt. Das verschiebt Verantwortungsgrenzen.

Wie viel Dokumentation ist wirklich nötig?

Wenig, aber konsequent. Kurze Bestätigungen zu Ergebnissen, Freigaben und Entscheidungen reichen aus. Wichtig ist, dass nachvollziehbar bleibt, was vereinbart war und wer Verantwortung übernommen hat.

Was bringt mir eine klare Leistungsabgrenzung im Alltag konkret?

Weniger Missverständnisse mit Auftraggebern. Weniger ungeplante Zusatzaufgaben. Mehr Kontrolle über den eigenen Verantwortungsbereich. Und deutlich geringere Haftungsrisiken.

Franz Kupfer ist Head of Professional Indemnity, D&O & Events bei Hiscox

Autor: Franz Kupfer, Product Head Professional Indemnity, D&O, Property & Event

Experte für gewerbliche Haftpflicht-, Sach- und Event-Versicherungen

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Franz Kupfer ist Product Head Professional Indemnity, D&O, Property & Event bei Hiscox und bringt umfassendes Fachwissen rund um gewerbliche Haftpflicht-, Sach- und Event-Versicherungen mit. Seine Karriere begann er 2012 als Graduate Trainee bei Hiscox – und sammelte in den Folgejahren weitere Erfahrungen bei internationalen Versicherern in Sydney und München, bevor er 2020 zu Hiscox zurückkehrte.

In seinen Beiträgen im Hiscox Blog gibt Franz praxisnahe Einblicke in die Risiken des Einzel- und Onlinehandels, beleuchtet Herausforderungen für Selbstständige und Unternehmen verschiedenster Branchen und teilt sein Wissen über Versicherungslösungen, die wirklich zum Geschäftsalltag passen – klar, verständlich und immer mit Blick auf das Wesentliche.

 

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