Ein alter Jaguar kann einen schon mal überfordern, wenn er rostet, der Motor schwächelt und die Elektrik ein Eigenleben entwickelt. Ein promovierter Mediziner in Australien hat deshalb vor Jahrzehnten damit begonnen, Jaguar Oldtimer mit neuer Technik aufzubauen und bekannte Krankheiten zu eliminieren. Wir sind einen Beacham mit zwei Geburtstagen gefahren, einen in den 60ern, den zweiten in den 90ern!

Nur zögerlich und very british lüftet Heimo Schäfer die weiche Plane, mit der das alte neue Auto abgedeckt ist. Er macht nicht viel Gewese um seine Schätzchen. Während andere ihre teuren Oldtimer prominent vor der Eisdiele parken, bleibt der Mann aus der Nähe von Karlsruhe lieber im Hintergrund und erfreut sich des Wissens um die Präsenz von seltenem High Tech. Dieses Verhalten teilt er mit seinem Jaguar MK II, der nach und nach unter der Plane auftaucht. Der zeigt nämlich auch nicht allen auf den ersten Blick, was er eigentlich drauf hat.

Sportlimousinen aus Coventry

Dabei wäre der dunkelblau glänzende Brite der oberen Mittelklasse schon im Originalzustand ein wundervolles, ein wertvolles und ein reizvolles Oldtimerobjekt. Zehn Jahre lang, zwischen 1959 und 1969, baute Jaguar in Coventry Sportlimousinen mit viel Platz, viel Flair und einem Sportwagenmotor. William Lyons, der Gründer der Marke, philosophierte gern darüber, dass ein Automobil das Nächste zu einem Lebewesen sei, was man produzieren könne. Was die Hitzköpfigkeit, die Zickigkeit und die Unberechenbarkeit seiner Fahrzeuge betrifft, nimmt man ihm das ohne Nachfrage ab. “Der, der im Fliegen jagt” bedeutet “Jag War” in der südamerikanischen Heimat der Wildkatze. Auch das zweifelte niemand an.

Der MK2 war mit bis zu 220 PS ein Kandidat für die linke Spur und galt in den 60ern als der schnellste Serien-Viertürer der Welt. Mit dem Erwerb des ältesten britischen Automobilbauers Daimler Motor Co. im Jahr 1960 konnte Jaguar auf weitere Produktionskapazitäten ausweichen und startete in goldene Zeiten. Die über 200 km/h schnelle Katze wurde auf der Insel sehr gern von kriminellen Mitbürgern als uneinholbarer, geräumiger Fluchtwagen genutzt, die britische Autobahnpolizei sah sich gezwungen, ebenfalls auf das Modell aufzurüsten. Mit den herkömmlichen Dienstfahrzeugen, meist alte Rover, kam man schlicht nicht hinterher. Als im Herbst 1968 der XJ vorgestellt wurde und Jaguars Limousinenangebot auf diese eine Oberklasse reduzierte, lief die Produktion des Mark 2 aus. Bis 1969 wurden rund 90.000 Fahrzeuge ausgeliefert. Und sie alle sind heute über 50 Jahre alt, da muss man nicht unbedingt ein Brite sein, um langsam ein Knirschen im Gebälk zu spüren.

Gutes noch verbessern

Grund genug für den australischen Medizinstudenten Greg Beacham, in den 80ern neben seinem Studium Jaguar Oldtimer und Rolls Royce zu restaurieren und mit neuen Bauteilen auf einen besseren mechanischen Standard zu bringen. Ab 1988 hängte Dr. Beacham die klassische Medizin an den Nagel und widmete sich auch beruflich seinen automobilen Patienten. Über die Jahre hatte er sich ein meisterhaftes Können und Fachwissen angeeignet und begann, vollständig zerlegte Rohkarossen als Neuwagen aufzubauen. Hierbei griff er auf nicht originale, aber ausgereifte neue Komponenten zurück. Und was nicht zu bekommen war, stellte er selbst her. Sein Ruf eilte ihm in die ganze Welt voraus, und seit den 90ern exportierte der Mann von Down Under ins United Kingdom, nach Japan und den Europäischen Kontinent.

 

Eine Firma in Karlsruhe gab 1997 einen MK2 bei Beacham in Auftrag und bekam einen damals schon 30 Jahre alten Neuwagen mit allerfeinster Technik:

Unter der Haube der komplett rostfreien und konservierten Karosserie arbeitet ein 4-Liter Reihensechser aus dem XJ mit elektronischer Lucas Zündung und entfesselt 255 PS, die er auf die vierstufige BorgWarner Automatik drückt. Die alte Starrachse wich einer modernen Pendelachse, an der XJ6 Zahnstangenlenkung dreht man über das Moto-Lita Lenkrad mit Servounterstützung, und die Fuhre wird von einer rundrum größeren und verbesserten Bremsanlage gestoppt. Für das kommode Gefühl sorgen beheizte Ledersitze aus dem Vanden Plas, eine Walnussholzausstattung und in Leder eingefasste Teppiche. Eine neue Klimaanlage mit verbesserter Heizung und Lüftung plus Colorglas mit beheizter Heckscheibe runden das Lounge-Gefühl im Jaguar Oldtimer ab.

Ein Neuwagen von 1997

Und er riecht sogar wie ein Neuwagen! Fast schon reflexartig nimmt man zunächst hinten Platz, so ein Juwel selbst zu fahren gehört sich irgendwie nicht. Das Unikat hat wegen des kompletten Umbaus seine eigene Fahrgestellnummer bekommen und ist ein offizieller Neuwagen von 1997, was ihn allein schon besonders macht. Es hat sich gelohnt. Wer einmal einen ganzen Korb an klassischen Ersatzteilen beim Katzenhändler geordert hat weiß, warum Beacham die Komponenten lieber selbst produziert. Wenn man überhaupt noch was bekommt, ist es oft teurer als das halbe Auto.

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Hier drin im Beecham stimmt einfach alles. Die vielen Rundinstrumente wirken wie das Cockpit eines Kleinflugzeugs, man könnte also „im Fliegen jagen“. Die vielen kleinen Knöpfe stehen brav in einer Reihe wie die Palastwache in London, alles ist mit hochglänzendem Walnuss vertäfelt oder in filigranen Chrom und Edelstahl eingefasst. Man möchte fast von traditioneller Handwerkskunst sprechen. Das Daimler Radio bleibt aus. Der Sechszylinder schnurrt vorn so leise und zufrieden, dass man lieber ihm lauschen möchte, als die Werbeblöcke der Privatsender wegzudrücken.

Expertentipps

Diese Expertentipps sind fast ein bisschen ironisch, denn alles, was an einem originalen Jaguar MKII problematisch war hat Beacham verbessert oder eliminiert. Rost an den Wagenheberaufnahmen oder Türböden des Oldtimers gibt es hier keinen. Die Steuerketten der originalen Motoren waren anfällig, aber hier arbeitet ja ein XJ Triebwerk. Die etwas zu schwachen Bremsen hat Beacham größer dimensioniert und die gern einmal undichte Hydraulik ist neu. Bei individuellen Umbauten eines Oldtimers gilt – die einzigen Schwachstellen sind die der jeweils verbauten neuen Komponenten. Also schlau machen, was eingebaut wurde.

Resto-Mod ist in – und sehr besonders

Schäfers MK2 ist für die Ewigkeit neu auferstanden. Zwar ist auch ein originaler Jaguar bei regelmäßiger Wartung und Pflege ein durchaus zuverlässiger Begleiter, aber dieser Beacham vereint darüber hinaus die Errungenschaften moderner Technik mit dem luxuriösen Komfort britischer Traditionsmarken. Einigen ist das Modell zu britisch, das kann jeder für sich selbst entscheiden. Wenn die Katze aufschreit und fast so schnell wie ein zeitgenössischer Porsche 911 auf 100 Sachen hochdrückt, ist es vorbei mit bieder. Dann versucht man, eine Steigerung von “einzigartig” zu definieren. “Einzigartiger” geht nicht, also einigen wir uns auf “Beacham”.

05 Jaguar MK2 Motor 01
03 Jaguar MK2 Details 20
Mercedes 560SL 11
Baujahr:
1997
Motor:
Reihe 6
Leistung:
187 KW (255 PS) bei 4800 /s
Drehmoment:
375 Nm bei 4000 /s
Höchstgeschwindigkeit:
210 km/h
Beschleunigung von 0 auf 100:
0-100 km/h: 7,2s
Getriebe:
Viergang Automatik
Antriebsart:
Hinterradantrieb
Hubraum:
3.980 ccm (242 cui)
Länge / Breite / Höhe:
4572/1702/1473mm
Wert
zwischen 500.000 bis 1.000.000 €
Leergewicht:
1540 kg

Classic Cars Blog Gastautor Jens Tanz

Autor dieses Beitrags:

Jens Tanz ist Motorjournalist & Social Media Manager und lebt leidenschaftlich die Autos der 70er aus dem Straßenbild seiner Kindheit. Im Netz ist er als „Sandmann“ unterwegs und schraubt und schreibt sowohl über die eigenen Erlebnisse mit seinen Oldtimern als auch markenübergreifend über andere Oldtimer und ihre Menschen. Bilder: © Jens Tanz, Sandmanns Welt