Die Ford Tochter Mercury stellte in den späten 60ern ein Coupé auf die Räder, das es locker mit Charger, Camaro und Firebird aufnehmen konnte. Die kennt jeder. Den Monterey kennt hier kaum jemand. Wir sind mit einem runter ans Wasser gefahren, zu den anderen Schiffen. Um mal reinzufühlen, ob auf einen echten Muskel unbedingt die klassischen Initialen tätowiert sein müssen.

Das niedertourige Blubbern hallt von rostigen Schiffswänden wider. In der sinkenden Sonne meint man fast, die einzelnen Zündungen hören und spüren zu können. Der V8 des Mercury saugt die frische Winterluft durch seinen Vierfachvergaser ein und mischt sie entspannt und unaufgeregt mit Superbenzin, was dann etwas weiter unten zur Explosion gebracht wird und für diesen Klang sorgt. 1-5-4-2-6-3-7-8. Dennis Klein lässt die Maschine laufen, steigt aus, wirft die lange Tür zu und guckt ein bisschen pathetisch. Der Hamburger braucht den analogen Ausgleich nach Feierabend, nicht in irgend einem europäischen Kleinwagen oder in einem asiatischen Sparwunder. Sondern in einem Full-Size Oldtimer Coupé. In einem, was heute nur halb so viel wie ein Firebird und ein Drittel eines Challenger aus vergleichbaren Baujahren kostet, mindestens genau so abgeht und in den Ersatzteilen so billig ist wie ein VW Golf. Das klingt wie die eierlegende Wollmilchsau, sieht aber viel schöner aus.

Der sonnennächste Planet

Mercury klingt namentlich griffig und cool. Spontan denkt man an den Sänger der Rockgruppe „Queen“. Aus dem Physikunterricht erinnert man sich vielleicht noch an den englischen Begriff für Quecksilber (Hg). Alles richtig, aber nicht im Sinne der automobilen Namensgebung. Mercury ist eine Hommage an den sonnennächsten Planeten Merkur – er ist der schnellste Planet in unserem Sonnensystem und damit ein würdiger Namensgeber für das Coupé mit dem bullernden Herzen. Auch besteht sein Kern zu über 65% aus Eisen, diese Eigenschaft teilt er sich ebenfalls weitestgehend mit dem dicken Wagen hier unten am Hafen.

 

Monterey ist zunächst einmal der spanische Begriff für den „Berg der Könige“. Die Bezeichnung mit dem schnellstem Planeten und dem Königsberg tauchte erstmals in den späten 40ern auf, als vinyldachbezogene Coupés mit Lederausstattung der Konkurrenz von General Motors entgegen gerollt wurden. Ab 1964 markierte der Mercury Monterey das große Einstiegsmodell und ebnete den Weg zum Full Size. Über ihm waren nur noch der Montclair und der Park Lane. Die Modellvielfalt reichte klassisch vom 2- und 4-türigen Sedan über das Coupé bis hin zum ab 1970 erhältlichen Convertible. Ab 1975 war Schluss, da wurde der Königsberg vom Marquis abgelöst.

Ein Städtchen in Kalifornien

Falsche Bilder im Kopf hat erneut, wer nun Königsberg mit dem malerischen Nest im Frankenländle verbindet. Nein, nein. Monterey ist ein kleines Küstenstädtchen in Kalifornien, zwischen San Francisco und Los Angeles. Das bringt uns dem Coupé wieder ein bisschen näher. Dennis war schon immer vom Ami Virus befallen. Im Winter 2013 bot ein guter Freund ihm den Mercury Monterey Coupé an und er konnte nicht widerstehen. Der Oldtimer war ein echter Survivor, unrestauriert und technisch kerngesund. Dennis fährt seine Autos ganzjährig, da passt das schon. Dem Motor hat er eine vierfach Vergaseranlage von Edelbrock und eine Edelbrock Ansaugspinne spendiert, im Inneren geben ein paar nicht originale Zusatzinstrumente Auskunft über das Befinden des 390er V8 Triebwerks. Erlaubt ist, was gefällt. Wer das anders sieht kann das ja gern anders sehen.

Klare Linie, karger Innenraum

Es ist wirklich kalt draußen, das Quecksilber (Hg) zeigt gerade mal 2 Grad. Die Heizung im Inneren wärmt aber gut. Hinter der laaaangen Haube fällt das Dach flach und endlos nach hinten ab und lässt den Betrachter atemlos mit den Formen allein. Dennis kurbelt trotz der frostigen Temperaturen alle Fenster runter, allein weil die Linie des Mercury Monterey ohne die B-Säule so sagenhaft schön ist. Hier ist alles voller Kurbeln, sogar das kleine Dreiecksfenster in den Türen des Oldtimers kann man mit einem kleinen Kürbelchen kippen.

Innen lenkt wenig bis nichts vom eigentlichen Geschehen ab. Ein dicker runder Meilentacho in der Mitte, eine fast immer auf EMPTY stehende Tankuhr und ein Radio mit Drehskala. Außer ein paar Warnlämpchen ist sonst nichts da. Am nicht ganz originalen Lenkrad klemmt noch ein chromiger Hebel für die Automatik. Kein Holz, kein Plüsch, nackter schwarzer Kunststoff und ein bisschen Chrom und Edelstahl. Autofahren für Puristen mit Hang zur Überdimensionierung. Dennis legt die Fahrstufe ein, und das Schiff verlässt effektvoll den Hafen.

Expertentipps

Wer sich eine Musclecar aus den 60ern anlacht, profitiert vom Baukastenprinzip der Konzerne und den immer noch überraschend günstigen Ersatzteilen (drüben in Nordamerika). Die Technik ist robust, überdimensioniert und vieles kann selbst repariert werden. In Foren bekommt man zu jeder Frage eine passende Antwort. Probleme machen bei alten „Amis“ die Klimaanlagen, für die es das FCKW-haltige Kältemittel nicht mehr gibt. Eine Umrüstung ist meistens teuer. Chromzierat, Armaturen und Interieur werden in Gold aufgewogen. Das größte Problem der Musclecar Fahrer in Großstädten dürfte allerdings der Stellplatz sein. In eine DIN Garage passt so ein Ding einfach nicht rein…

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Pure Kraft aus 6,4 Litern

Der Mercury Monterey 2 Door Hardtop Coupé drückt kraftvoll nach vorn. Die schwarzen Sitze ohne Seitenhalt versuchen vergeblich, der eigenen Trägheit sinnvoll etwas entgegen zu setzen. Die Augen suchen genau wie die Hände was zum Festhalten, während die Ohren längst im akustischen Muscle-Car Himmel sind. Eben gerade weil kein Chrom und kein Plüsch den Eindruck verplundern, wird das Wummern des 6,4 Liter V8 direkt an das vegetative Nervensystem weitergegeben. Bei Reisegeschwindigkeit angekommen schnorchelt der Midsize-Fullsizer ruhig und stoisch vor sich hin. Kein amitypisches Quietschen und Knarzen und nicht mal das leiseste Ruckeln der Automatik trübt das Erlebnis. Das ist entspannender als das abendliche Floating der Manager und gleichzeitig aufregender als das Freeclimbing der Vorstandsetage am Wochenende. Das ist genau der Ausgleich zum harten Arbeitsalltag, den sich Dennis vorgestellt hat. Das ist ein gelebter Traum.

Schwer zu sagen, warum alle Muscle Car Fans so auf Challenger, Charger und Firebird gieren. Die sind super, keine Frage, aber der Mercury steht dem in nichts nach. Ob das Fluch oder Segen ist kann jeder für sich selbst entscheiden. Wir cruisen mit dem Oldtimer noch ein bisschen durch die Elbmarsch und vermissen: nichts.

Mercury Monterey 2 Door Hardtop Coupé

Monterey Interior 01
Monterey Motor 08
Monterey Interior 09
Baujahr:
1967
Motor:
V8 390
Leistung:
198 KW (270 PS)
Drehmoment:
546 Nm bei 2600 U/min
Höchstgeschwindigkeit:
193 km/h
Leergewicht:
1.800 kg
Getriebe:
3 Speed Automatic
Antriebsart:
Hinterräder
Hubraum:
6.400 ccm (390 cui)
Länge / Breite / Höhe:
5.550mm/1.976mm/1.400mm
Beschleunigung:
0-100 km/h: 8,8 s

Classic Cars Blog Gastautor Jens Tanz

Autor dieses Beitrags:

Jens Tanz ist Motorjournalist & Social Media Manager und lebt leidenschaftlich die Autos der 70er aus dem Straßenbild seiner Kindheit. Im Netz ist er als „Sandmann“ unterwegs und schraubt und schreibt sowohl über die eigenen Erlebnisse mit seinen Oldtimern als auch markenübergreifend über andere Oldtimer und ihre Menschen. Bilder: © Jens Tanz, Sandmanns Welt