Bei Zertifizierungen im Bereich Requirements Engineering (RE) ist die IREB (International Requirements Engineering Board) im deutschsprachingen Raum federführend. Man kann dort u.a. eine Basis-Zertifizierung für RE machen und darauf aufbauend weitere Zertifikate. Diese Zertifizierungen umfassen den „klassischen“ Wissensschatz um Anforderungserhebung, Anforderungsdokumentation, Anforderungsmanagement.

Die IREB hat bislang keine Zertifizierung für RE im agilen Bereich (etwa Scrum, agiles Kanban oder SAFe etc.). Braucht es so etwas überhaupt? Gibt es für RE unter dem Gesichtpunkt „Agile“ zusätzliches oder vom Klassischen abweichendes Wissen?

Ja, findet das Agile Requirements Institute (agire), ein Joint Venture von Agile by Hood und Scrum Events – die Institution, die in Deutschland Jeff Sutherland repräsentiert, den Gründer von Scrum. Das Agile Requirements Institut hat vor einem Dreivierteljahr eine Agile-RE-Zertifikation ins Leben gerufen mit Namen CARS (Certified Agile Requirements Specialist). Man kann die entsprechende Prüfung online ablegen und natürlich auch passende Schulungen und Workshops buchen.

Braucht es eine Zertifizierung für agiles Requirements Engineering?

Ich denke, ja. Die IREB-Zertifizierung empfand ich in der Vorbereitung erstens als eher trocken und akademisch, sicher dem Thema geschuldet. Darüber hinaus stellt agiles Vorgehen aber besondere Herausforderungen an das RE, von Bewertung über Priorisierung bis hin zu grundsätzlichen Überlegungen. Zum Beispiel, dass ein „Requirement“ kein gegebenes „Brauchen wir“ ist, sondern eine Hypothese, die es an der Realität zu validieren gilt. Wie Gojko Adzic zu wiederholen pflegt: Wenn wir mit 20% der Requirements 80% des Geschäftswerts liefern, waren die anderen dann wirklich Requierements?!

Wer hilft den Product Ownern?

Der „Informationsmarkt“ für den Bereich Agile ist traditionell sehr ScrumMaster- und Coach-orientiert. Roman Pichler etwa ist einer der wenigen Autoren, der speziell für Product Owner schreibt, nicht allgemein für Agilisten oder ScrumMaster. Der Aspekt RE kommt deshalb m.E. in manch einem Team zu kurz. Auch die Literatur über User Stories, einer häufig verwendeten Form im Agilen, Requirements festzuhalten, lässt für mich offen, wie denn nun das RE im agilen Projekt von A bis Z funktioniert. Eine Lücke, die erst vor Kurzen zum Teil von Jeff Patton mit seinem Buch „User Story Mapping“ geschlossen wurde.

Eine Zertifizierung, die sich auf einen sinnvollen und umfangreichen Satz von Themen und Objectives bezieht, ist für den Markt nach meinem Empfinden eine Hilfe und für einzelne eine Möglichkeit, Wissen und Kompetenz nachzuweisen. Falls, freilich, die Zertifizierung etwas taugt.

Wie gut ist die CARS und wie viel ist sie wert?

Eine neu eingeführte Zertifizierung hat es in aller Regel schwer. Ich habe selbst schon mitgewirkt an der Institutionalisierung einer Zertifizierung, nämlich für TYPO3 Integratoren. Selbst, wenn der Markt darauf gewartet hat, muss Qualität, Marketing und Akzeptanz hart erarbeitet werden. Im Folgenden meine persönliche Meinung zur CARS.

Interessant sind an der Zertifizierung für mich drei Dinge:

1. Sie findet, wie erwähnt, in DE in Zusammenarbeit mit Jeff Sutherlands Plattform „Scrum Events“ statt, die auch Werbung dafür macht, das ist ein Zugpferd, das die Marktrelevanz erhöht.

2. Man kann sie ohne Pflicht-Schulung absolvieren, einfach für 200 Euro online. Es hat mich stets gestört, wenn Zertifizierung an eine teure Schulung gebunden ist, die man dann nur absitzen muss.

3. Die CARS bietet Gelegenheit, Wissen im Bereich RE zu erwerben (falls man sich auf die Prüfung vorbereitet) und dies dann auch „öffentlich“ nachzuweisen. Wenn man den Lernplan anschaut, finde ich, sieht man eine gute Zusammenführung von Inhalten aus dem Bereich RE und agile RE. Und es gibt nicht das eine Buch, das man nur einfach lesen muss. Stattdessen muss man sich in einen eher breiten Kanon an Informationen und Perspektiven einarbeiten und Erfahrungen im Bereich gemacht haben, um das Hintergrundwissen und Verständnis mitzubringen.

Die (wenigen) Fragen zu „klassischen“ Aspekten des RE, UML und Use Cases stellen sicher, dass auch allgemeine Aspekte abgedeckt werden. Ein Basiswissen reicht hier meines Erachtens aus. Insgesamt sind sehr viele Fragen aus dem Bereich Scrum und agiles Grundwissen, wobei ich den deutlichen Schwerpunkt zu Scrum beinah übertrieben finde. Einerseits mag das an der Dominanz liegen, die Scrum unter den agilen Ansätzen auf dem Markt hat, andererseits auch an der Zusammensetzung des Agile Requirements Institute.

Kritische Bemerkungen…

Einige Fragen fand ich persönlich nicht ganz gelungen, da man sie ohne großartigen Wissensschatz einfach durch Nachdenken beantworten kann. Nachdenken und logisches Folgern gehört sicher zu den Qualitäten eines RE-Spezialisten, sollten aber nicht Gegenstand einer Zertifizierung sein. Auffällig fand ich auch, dass es sehr ähnliche Fragen gibt, in der Folge weiß man entweder alle oder keine, das ist statistisch ungünstig (und unfair).

Das größte Manko der Zertifizierung sehe ich in der Bearbeitungszeit. Ich hatte die Prüfung in gut der Hälfte der angesetzten Zeit beendet, das lässt im schlimmsten Fall ausgiebig Raum zum Googlen. Die Zertifizierungen der scrum.org als Gegenbeispiel stellen 80 Fragen in 60 Minuten, bestanden hat man bei einem Cuttoff von 85%. Da hat man tatsächlich keine Zeit für Telefonjoker oder Surfen. Das sollte bei einer Online-Zertifizierung meines Erachtens gewährleistet sein.

Unter dem Strich: Eine sinnvolle Zertifizierung

Alles in allem ist mein Fazit, dass das Zertifikat für Personen, die in agilen Projekten involviert sind, sinnvoll ist, von Product Ownern über ScrumMaster (bzw. Coaches) und Developer bis zu BAs und Vertrieb. Es gibt auf der Website des Agile Requirements Institute eine kostenlose Test-Prüfung, in der man mit 25 Fragen seinen Wissensstand vorab prüfen kann.

Autor: Sacha Storz, Agile Coach & Consultant bei TechDivison