Mit dem 17M und dem 20M rollte Ford in Köln in den 60er Jahren an die marktführende Position der europäischen V6 Hersteller. Elvis Presley sang bunte Lieder über Hawaii und war wie die große Limousine aus Köln nicht mehr aus dem Alltag wegzudenken. Wir haben einen ähnlichen Elvis wie damals mit genau so einem Auto wie damals gefunden und begeben uns in sein persönliches, automobiles Graceland in Bremen

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Dicke Koteletten, schwarze Haare mit viel Gel drin und ein Tuch locker um den Hals gelegt, kurz über der Trainingsjacke. Der Mann macht den Mund auf, und du denkst nur: Elvis! Die tiefe Stimme von Guido Regenhard vereinnahmt schon beim normalen Wortwechsel. Er sieht ein bisschen müde aus, das liegt an fünf Tagen London, wo er heute Morgen noch war. Guido ist beruflich Elvis Tribute Artist. Das ist eine Lebenseinstellung, eine möglichst perfekte Umsetzung von Elvis Presleys Bühnenshows, ein Tribut und eine Verneigung vor dem King of Rock’n Roll.

Schönheit statt Leistung

Das Auto hinter ihm ist nicht minder beeindruckend. Elvis, nein Guido, lebt Autos mit Leib und Seele. Den Ford fährt er schon seit 2007 als persönliche Zeitmaschine. In seiner Jugend mussten es 2,3 oder 2,6 Liter Motoren im großen 20M sein, heute sind der Mann selbst und das Hardtop Coupé von 1966 etwas genügsamer unterwegs.

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Mehr Platz, mehr Luxus!

Kanzler Ludwig Erhard hatte damals gerade den “Wohlstand für alle” ausgerufen, und in Köln nahm man das sehr ernst. Pininfarina? Giugiaro? Die kennt man, aber wer erinnert sich noch an Wes Dahlberg? Der Designer traf mit seinen Konzepten und seinen Formen den Zeitgeist mitten ins Herz. Die zeitgenössischen deutschen Autofahrer riefen nach mehr Platz und mehr Luxus. Der Radstand des auslaufenden Ford P3, der “Badewanne”, wurde 75mm länger und der wachsende Wagen erhielt erstmals eine geteilte Kardanwelle. In Köln ging es mit der Namensgebung dabei recht maritim zu, unter den Entwicklungscodes “Hummer” für den neuen 20M und “Languste” für den kleineren 17M entstanden zwei aktuelle Vertreter der “Linie der Vernunft” mit neuen Marathon V4 Motoren und dem Tornado V6 – jenem massiven Meisterstück, das fast unverändert bis in den Ford Sierra überleben sollte.

Ein Hauch von „Cruising“

Alle wollten ihn – und alle bekamen ihn. In der Bevölkerung hieß es nun “Hummer statt Hering”. Der Sechszylinder in V-Form, bis dato ein Merkmal von teuren Oberklasselimousinen, war plötzlich in der Mitte der Gesellschaft angekommen und versprach dem besser verdienenden Handwerker oder dem leitenden Angestellten mit Hang zum Understatement Fahrkomfort und Platz. Mehr Bein- und Hüftraum als in der “großen Wanne” hatte keiner der direkten Konkurrenten, dazu gab es ab Werk eine elektrische “Vollkreis-Ventilation” mit verstellbaren “Vario-Air Düsen” (und Zwangsentlüftung an der C-Säule) – und zu den leistungsstärksten Motoren die 3-Gang “Taunomatic”. Eigentlich war die aber nur das alte C4 Getriebe des amerikanischen Mutterkonzerns mit einem etwas bemühten Namen. Aber die Taunomatic in Verbindung mit dem V6 ließ hoch bis in den Kombi (der bei Ford “Turnier” hieß) reines, amerikanischen Cruisinggefühl aufkommen. Von den über 710.000 zwischen 1964 und 1967 gebauten Taunus P5 waren immerhin rund 192.000 Stück mit dem Sechszylinder ausgestattet. Endlich konnte man bei Ford den Kapitänen von Opel und den “großen Borgwards” Hummer und Langusten entgegensetzen.

Fords Griff nach den Sternen

Mit diesem Designwunder brachte Ford einen Hauch Maranello und Modena in die junge Republik, ließ Opel und Borgward links liegen und griff selbstbewusst direkt nach den Sternen. Nur Mercedes und Lancia hatten auch Coupés mit voll versenkbaren Seitenscheiben und einem Sechszylinder im Programm – die kosteten aber ein vielfaches des Taunus, für den man mit 8.950 Mark kaum mehr als für einen Karmann Ghia hinblättern musste. Und der hatte einen irgendwie antiken Käfermotor im Heck. BMW konterte im Folgejahr mit dem wunderschönen 2000 CS Coupé, das kostete aber so viel wie zwei 20M Coupés ohne B-Säule.

Das neue Elvis-Mobil

Elvis Regenhard war längst wieder bereit für so einen Alltags-Euro-Ami. Immerhin wollen rund 13.000 Kilometer im Jahr zu Auftritten und Shows zurück gelegt werden, das sollte im Gesamtbild schon ein bisschen stilvoller gehen als mit einem Alltagsauto neuerer Bauart. Bei einem Händler in Bielefeld stand 2007 das elegante Hardtop Coupé, und egal wie er sich auch beugte und windete – es sah von allen Seiten schön aus. Der hier angebotene Re-Import aus zweiter Schwedenhand mit seinen roten Sitzen, dem V6 und der eleganten Dachform sollte das neue Elvis-Mobil werden.

Wartung in Eigenleistung

Und ein Elvis-Mobil muss zuverlässig laufen. Dafür wird seit dem Kauf kontinuierlich gesorgt. Vorder- und Hinterachse wurden neu gelagert und mit neuen Stoßdämpfern bestückt, alle Teile der Bremse, die Bremsleitungen und der Auspuff wurden durch Neuteile ersetzt. Die Kardanwelle dreht an neuen Lagern und der Anlasser sowie die komplette Zündanlage wurden überholt. Die Karosserie zeigte sich bis auf die doppelten Bleche über den Wagenheberaufnahmen rostfrei. Der genügsame Motor bekam neue Flüssigkeiten und neue Deckeldichtungen – das sollte genügen. Noch den Vergaser einstellen und auslitern, und der Taunus lief wie am ersten Tag.

Ein Auto als Visitenkarte

Das muss er auch, denn der “Projekt 5” ist Guido Regenhards Visitenkarte vor und nach seinen Auftritten. Genau wie der Elvis Artist selbst zieht das Coupé Blicke auf sich und verwickelt ihn regelmäßig in Gespräche. Der Wagen gehört zu ihm, man kennt ihn und man kennt das Auto. Der eine oder andere Auftrag wird nachweislich auch durch den Ford an Guido herangetragen. Die Menschen am Straßenrand sprechen ihn an, wenn er vor dem Saal parkt und seine Sachen ausladen will. Sie berichten verzaubert von ihren Erlebnissen mit so einem Auto, sie blättern in ihren Erinnerungen und denken an ihre Jugend zurück. Das ist emotionaler Rock’n Roll!

Bevor es losgeht und er mit seiner Band und schwingenden Hüften den Saal zum Kochen bringt streicht er manchmal über die Innenseite des Handschuhfachdeckels. Da hat Ed Bonja drauf unterschrieben, der Mann, der den echten Elvis über die Jahrzehnte so wundervoll auf Fotos gebannt hatte. Daneben hat sich Regenhards Kumpel Egon Müller verewigt, dreifacher Weltmeister im Speedway Sandbahnrennen.

Entschleunigung on the Road

Er erzählt all das mit dieser wunderbar souligen, rock’n rolligen Stimme, während er am Lenkradschalthebel rührt und das Coupé entspannt durch Bremen gleiten lässt. Der “Tornado” V6 ist wahrhaft kein Leistungswunder, aber das war er schon damals nicht. Dafür klingt er gesund und läuft seidenweich, wenn man bedenkt, dass die große Wanne schon über 50 Jahre alt ist. In den roten Sitzen reist es sich ganz hervorragend. Wenn dann in dem alten Radio von irgend einem Sender auch noch ein Oldie gespielt wird, ist die Welt in Ordnung. Dann passt alles.

Ford Taunus 20M TS P5 2-door Hardtop Coupé

20201202 Ford Taunus 20m Gastbeitrag Lenkrad
20201202 Ford Taunus 20m Gastbeitrag Front
20201202 Ford Taunus 20m Gastbeitrag Hardtop
Baujahr:
1966
Motor:
V6
Leistung:
66 Kw (90 PS)
Drehmoment:
156 NM
Top Speed:
170 km/h
Beschleunigung von 0 auf 100:
13,6 s
Getriebe:
4 Gang
Antrieb:
Hinterräder
Hubraum:
1998 ccm
Höhe / Breite / Länge:
4635mm / 1715mm / 1445mm
Leergewicht:
1055 kg
Wert:
ca. 15.000 Euro

Classic Cars Blog Gastautor Jens Tanz

Autor dieses Beitrags:

Jens Tanz ist Motorjournalist & Social Media Manager und lebt leidenschaftlich die Autos der 70er aus dem Straßenbild seiner Kindheit. Im Netz ist er als „Sandmann“ unterwegs und schraubt und schreibt sowohl über die eigenen Erlebnisse mit seinen Oldtimern als auch markenübergreifend über andere Oldtimer und ihre Menschen.

Bilder: © Jens Tanz, Sandmanns Welt