Es gibt Klassiker, die sehen aus wie frisch ausgeliefert. Das allerletzte Cabriolet der Baureihe 124 von Mercedes-Benz wird zwar gerade erst als Youngtimer gehandelt, die „Final Edition“ von Helmut Berg ist aber ein wundervolles Beispiel für einen rollenden Traum mit Wertsteigerung. Wir sind bei bestem Wetter einmal an die Mündung des Nord-Ostsee-Kanals gefahren. Mit offenem Dach, selbstverständlich.

Der Wind weht hier am Wasser ein bisschen frischer als im bundesdeutschen Inland, aber er rührt angenehm die spätsommerliche Wärme um. Es riecht nach Salzwasser und frisch gemähtem Gras, wir riechen das besonders gut, weil wir nicht in einem gekapselten Raum unterwegs sind. Helmut Berg hat schon direkt vor dem Losfahren das Verdeck seiner E-Klasse elektrisch verschwinden lassen. An solchen Tagen muss man jeden einzelnen Sonnenstrahl ausnutzen. Und der Wind ist hier oben im Norden nunmal immer mit dabei.

Wenige To Dos am gekauften Auto

Der 57 Jahre alte LBS Bezirksdirektor aus der Nähe von Kiel wirkt beim Betrachten seines schwarzen Cabriolets zufrieden und selbstsicher. Dass die Baureihe (abgesehen von den Rostproblemen aller Fahrzeuge aus dieser Zeit) robust ist, das wusste er. Dass es aber so wenig Probleme geben würde, damit hat er beim Kauf vor 4 Jahren nicht gerechnet. Ziemlich mutig und eigentlich nur auf der Grundlage von Fotos und der Aussage eines Werkstattmeisters sagte er dem Erstbesitzer am Telefon das scheckheftgepflegte Auto ohne vorherige Begutachtung zu. Und machte sich mit Überführungskennzeichen auf eigener Achse von Süddeutschland auf den langen Heimweg in den Norden. Pannenfrei. Gleich im ersten Winter erstellte er eine To-Do-Liste für eine Mercedes-Benz Fachwerkstatt, um den Langläufer in genau den Zustand zu bringen, der ihm vorschwebte. Da ist er penibel.

Nur Kleinigkeiten bis zur Perfektion

Viele zu erledigende Arbeiten waren klassische Handgriffe, die wohl jeder Oldtimer- oder Youngtimerkäufer an seinem frisch erworbenen Fahrzeug durchführen lässt oder selbst macht. Alle Flüssigkeiten wurden gewechselt, der gern mal poröse Motorkabelbaum kontrolliert und die Lämpchen der Cockpitbeleuchtung ausgetauscht. Die blechmäßige Achillesferse älterer Mercedes-Benz, die hinter Kunststoffabdeckungen versteckten Wagenheberaufnahmen, wurden entweder erneuert oder fachgerecht instandgesetzt, in diesem Arbeitsschritt wurden gleich der gesamte Unterboden aufgearbeitet und konserviert. Das Gestänge des Verdecks wurde neu eingestellt, die Tachowelle gewechselt und neue Reifen aufgezogen – das war’s dann auch schon.

Der W 124 kommt aus Bruno Saccos Feder

Die Baureihe 124 löste 1984 die sagenhaft erfolgreichen W 123 Modelle ab, die als DAS Taxi heute immer noch in den Köpfen vieler existieren und in einigen Ländern noch in Tausender Stückzahlen fahren. Die sachliche, an den 190 E angelehnte Formensprache des Bruno Sacco war funktional und dabei sehr unauffällig. Der 124er wurde rund 100 Kilogramm leichter als sein barocker Vorgänger und unterbot mit einem Luftwiderstandsbeiwert von 0,29 sogar den Klassenprimus Audi 100. Äußerlich ließen sich die Fahrzeuge vom kleinsten Diesel bis zum größten Achtzylinder nur durch Kleinigkeiten wie Lufteinlässe oder doppelte Auspuffrohre unterscheiden. Neben der Limousine (W 124) wurde ein Jahr später auch ein Kombi, klassisch als T-Modell (S 124) bezeichnet, angeboten. Ab 1987 machte das Coupé (C 124) das Dreigestirn komplett.

Die „E-Klasse“ wurde geboren

Im September 1991 stellte Mercedes-Benz auf der IAA als vierte Modellvariante das Cabriolet auf der Basis des Coupés vor, für das aufgrund der notwendigen Verwindungssteifigkeit tief in die Trick- und Teilekiste gegriffen werden musste. Mehr als 1000 Details unterscheiden die Version ohne Dach vom Basis-Coupé. Nach der zweiten Modellpflege 1993, bei Mercedes-Benz immer MoPf abgekürzt, wurde im Rahmen einer neuen Nomenklatur aus der bis dahin „mittleren Baureihe“ genannten die heute noch so bezeichnete E-Klasse! 33.968 Cabriolets baute Mercedes-Benz bis 1997. Der jung gebliebene Daimler ist eine „Final Edition“. Schwarzes Leder, eine manuelle Klimaanlage, eine dezente Tieferlegung und AMG Leichtmetallfelgen sollten der offenen Mittelklasse kurz vor ihrem Produktionsende noch einmal einen besonderen Schub geben. Zwischen 1996 und 1997 sind davon nur 1390 Stück gebaut worden, mit dem seidenweichen 320er Reihensechszylinder sogar nur 166 Exemplare.

Porsche, Pagode, SL und E-Klasse

Berg wirkt entspannt und grundzufrieden, während wir am Nord-Ostsee-Kanal entlang unter der Holtenauer Hochbrücke fahren. Er hat „sein“ Auto gefunden. Schon als kleiner Junge scheuchte er einen alten Käfer über die Feldwege der Bauernhöfe, später besaß er mehrere Porsche 911 und entdeckte nach einer „Pagode“ und der SL Baureihe 129 seine Lust auf Cabriolets. Nach diesem einen Schmuckstück hatte er gezielt zwei Jahre lang gesucht. Es musste eine Final Edition sein, eine mit dem großen Reihensechser. Denn die Seltenheit dieser Version, gepaart mit der robusten Technik, versprachen schon damals nicht nur einen sicheren Werterhalt, sondern auch eine Wertsteigerung in den folgenden Jahren. Und dieses Versprechen hat der Wagen gehalten. Die Preise für gepflegte E-Klasse Cabriolets haben schon seit rund zehn Jahren stabil bei 20.000 Euro eingependelt. Sondermodelle wie diese „Final Edition“, zumal in diesem außergewöhnlich guten Zustand, knacken unter Sammlern längst die 30.000 Euro Marke.

Zeitmaschine mit Wertsteigerung

Was Berg immer wieder fasziniert ist die Tatsache, dass an dem Mercedes-Benz auch nach über 20 Jahren nichts klappert, rappelt oder wackelt. Die Welt dreht sich ein bisschen langsamer, wenn er in den Sommermonaten gelassen durch das flache Land fährt und dabei jeden Kilometer genießt. Vielleicht genießt ihr euer Cabriolet oder eure Limousine auch ein bisschen mehr, wenn sie gut versichert ist? Schaut euch mal die Spezialtarife von Hiscox an. Und selbst wenn ihr erst von einem Klassiker träumt, könnt ihr auch direkt checken, was euer Wunschfahrzeug euch im Jahr kosten würde. Den Versicherungsbeitrag für eine Hiscox Classic Cars Versicherung kann man vorher unkompliziert erfragen. Der A 124 ist Helmut Bergs „Gentleman Auto“ geworden. Seine Frau wurde nie richtig warm mit dem Beau aus Sindelfingen, hatte aber auch keine echten Gegenargumente. Also wird das Cabriolet weiter gepflegt, ab und an herausgeholt, im Winter fachgerecht eingelagert und von Jahr zu Jahr ein bisschen wertvoller.

Mercedes E 320 Cabriolet Final Edition

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Baujahr:
1997
Max. Drehmoment:
310 Nm bei 3750 1/s
Leergewicht:
1.800 kg
Motor:
Sechszylinder Reihe
Getriebe: 5-Gang AutomatikBeschleunigung 0-100 km/h:
8,8 Sek.
Hubraum:
3.199 ccm
Antrieb:
Hinterradantrieb
Top Speed:
230 km/h
Leistung:
162 KW (220 PS) bei 5500 1/s
Länge/Breite/Höhe:
4.655 / 1.740 / 1.371 mm

Classic Cars Blog Gastautor Jens Tanz

Autor dieses Beitrags:

Jens Tanz ist Motorjournalist und Social Media Manager und lebt leidenschaftlich die Autos der 70er aus dem Straßenbild seiner Kindheit. Im Netz ist er als „Sandmann“ unterwegs und schraubt und schreibt sowohl über die eigenen Erlebnisse mit seinen Oldtimern als auch markenübergreifend über andere Oldtimer und ihre Menschen.

Bilder: © Jens Tanz, Sandmanns Welt