Es ist friedlich in Traben-Trarbach. Der große Fluss mäandert träge an historischen Mauern vorbei. Vollverglaste Binnenschiffe entlassen im Stundentakt rüstige Senioren auf die Anleger, die durch die verkehrsberuhigte Altstadt stiefeln und Postkarten kaufen. Auf dem Campingplatz direkt am Ufer werden die ersten Moselweine entkorkt. Irgendwo bimmelt eine Glocke in einem Gotteshaus. Das alles kann man beschaulich und beruhigend finden, aber es gibt hier unten auch andere. Menschen, die einen Hauch gut gemeinte Rebellion im Blut haben und diesen am liebsten mit einem Auto ausleben wollen, was hier nicht richtig reinpasst. Eins aus den Vereinigten Staaten, wo die Highways einfach weiter und freier sind als an der Mosel.

So ein Auto zu finden war nicht schwer. Eine satte und kraftvolle Corvette aus der Modellreihe C4 wollen viele heimliche Rebellen in Rheinland-Pfalz mal fahren. Mitten in dem weinbergigen Idyll sitzt deshalb „Mosel Classics“ und vermietet die Autos, die man braucht, um sich vom Hier und Jetzt abzuheben. Oder um einfach mal dem Heute zu entfliehen. Klassiker. Motoren. Schönheiten. Da nehmen wir doch glatt das schlanke, schwarze Exemplar aus dem Showroom für einen sonnigen Nachmittag mit.

Ich kippe manuell das Dach zurück, elektrisch geht das bei Chevrolets Streitross nicht. Egal. Deckel auf, Stoff rein, Deckel wieder zu, ab. Ich lasse die ewig lange Tür weit aufschwingen, kletter über den hohen Schweller und gleite in den Ledersitz. Vor mir baut sich eine coole Landschaft aus orangen Displays auf, die an einen Mix aus Gameboy und Schneider Musikturm erinnern. Vor der flachen, um 64 Grad geneigten Windschutzscheibe spannt sich eine lange Motorhaube auf, unter der ein 350cui V8 lauert. Ich drehe den Zündschlüssel, wecke den gesamten Stall mit den 250 Ponies auf und bekomme meine erste Gänsehaut. Genau. Das ist der Sound, der Bass, der Druck, der einem mitten in den Magen geht. Präzise. Endgültig. Das ist kein silbergrauer Leasingrückläufer mit Frontantrieb, 70 Steuergeräten und Bluetooth. Die Corvette ist ein ungezügelter Bolide, mit der man dem Alltag entfliehen kann, wenn die Geranienkästen im Kopf überhand nehmen.

Im Frühjahr 1983 löste Chevrolets Corvette C4 nach fünfzehn Jahren Bauzeit den polarisierenden Vorgänger im Cokebottle-Design ab. Der Motor wurde übernommen, aber das Handling spürbar verbessert. Noch immer konnten die Designer sich nicht zu einem Mittelmotor durchringen, aber der wuchtige V8 wanderte ein bisschen weiter nach hinten. Die jetzt viel steifere, tragende Stahlrahmenkonstruktion beheimatet Querlenker aus Leichtmetall und quer eingebaute Blattfedern, oben drauf hockt klassisch die Karosserie aus glasfaserverstärktem Kunststoff.

Die Fahrleistungen selbst konnten nicht sonderlich verbessert werden. Der neue, schlicht und glatt wirkende Sportwagen spurtet sich aber endlich in die Nähe der Konkurrenz. Hohe Kurvengeschwindigkeiten, satter Antritt und eine direkte Lenkung machten trotz der nicht überragend vielen Pferdestärken aus der Corvette wieder das, als was sie einst konzipiert wurde: Ein einfacher, echter, amerikanischer Sportwagen.

Ich schmunzel ein bisschen über die vielen „digitalen“ Anzeigen, genaugenommen sind das alles LEDs wie bei einem zeitgenössischen Radiowecker. Das Zeitkapselgefühl der späten 80er ist überwältigend. Das Radio hat kein RDS. Egal. Der Sound des Small-Block mit zentraler Nockenwelle und antikem Ventiltrieb ist Musik genug, wer will da noch die lokalen Radiosender hören? Die Damen und Herren in der ersten Reihe auf dem Campingplatz gucken der vorbeigleitenden Corvette nach, als käme sie von einem anderen Planeten. Wenn wir ehrlich sind kommt sie das auch. Sie hat nichts zu tun mit Wohnmobilen, die größer sind als die meisten Studenten-WGs, mit sichtschützenden Schilfmatten, mit verchromten Zapfanlagen und sauberen Gasgrills. Sie bietet nur zwei Personen Platz. Sie will ohne Sichtschutz gesehen werden.

Getrunken wird Super und gegrillt wird auf doppelten Rohren. Ich trete einmal dezent auf’s Gas und lenke den offenen Amerikaner in die Altstadt. Die acht Zylinder donnern, von den alten Mauern reflektiert, wie ein nahendes Gewitter. Der Pastor guckt neugierig aus seinem Kirchturm und hebt anerkennend den Daumen. Im zweiten von sechs handgeschalteten Gängen rumpelt die C4 offen über das Kopfsteinpflaster und präsentiert ungeschminkt die Nachteile ihres Fahrwerks. Holperstrecken schmecken ihr nicht. Sie will wieder auf den Highway, und vielleicht tun wir damit einigen hier auch einen großen Gefallen. In den engen und gedrungenen Häusern werden die Fensterläden geschlossen und die Geranien von den Balkonen geholt. Da draußen ist ein Fremder. Diese Geräusche kennt man nicht.

Auf der Umgehungsstraße lasse ich die Pferde laufen. Der Wind zerrt an meinen Haaren, letzte verwirrte Insekten des Spätsommers zerplatzen auf der Windschutzscheibe wie die Träume von denen, die sie nie gelebt haben. Dieses Auto ist anders. Es rüttelt auf. Es schüttelt die festgefahrenen Gedanken und eng gezurrten Scheuklappen ganzer Generationen kräftig durch und macht Lust auf mehr. Auf Offenheit, auf mal durchatmen, Gas geben, den Wind spüren. Der gelebte Moment ist mindestens genauso wichtig wie eine gut geplante Altersvorsorge. Ohne Spaß im Hier und Jetzt erlebt man die Rente vielleicht gar nicht.

Sie gucken uns nach, der Corvette und mir. Die alten Menschen von den Ausflugsdampfern. Die mittelalten Menschen in den kleinen Geschäften. Die jungen Mädchen an der Bushaltestelle. Die C4 aus Stahl und Plastik ist stark, sie ist echt und sie ist definitiv Geschmacksache. Wem sie nicht gefällt, der wird sich beim Nachfolger C5 ab 1997 vermutlich kopfschüttelnd abwenden. Wer sich drauf einlässt, wird wie ich ein kleines Stück Freiheit spüren, eine Freiheit, die viele andere Autos so nicht vermitteln können. Manchmal fühlt es sich einfach gut an, wenn die Leute einem nachgucken. Wenn man polarisiert, ohne zu provozieren. Manchmal ist der Stempel des Außenseiters, des Rebells, Balsam für das eigene Ego. Und gerade in bergigen, touristisch eher bieder gehaltenen Regionen muss man das alles mal rauslassen.

In Zeiten von Facebook, Instagram und Snapchat ist zu viel Offenheit nicht immer gut. Aber wenn die Offenheit das weggeklappte Dach einer Corvette im Abendsonnenschein ist – dann ab dafür. Vielleicht ermöglichen es uns Autos wie die C4, auch ein paar Grenzen in unseren Köpfen und unseren Herzen zu öffnen. Der Sportwagen ist laut, durstig und offen. Er verkörpert ganz viel von dem, was Autos heute nicht mehr sein sollen. Vielleicht macht er gerade deshalb so viel Spaß. Eigentlich bin ich ja eher der Limousinentyp. Aber nach dieser Erfahrung mit einem V8 zwischen gemütlichen Flusstouristen will ich die Corvette gar nicht mehr so richtig zurückbringen…

Wir lernen wieder einmal: Andere Mütter haben auch schöne Töchter. Gerade das macht ja unser Hobby so vielseitig. Habt ihr auch einen Youngtimer, den ihr hegt und pflegt? Dann schaut euch doch mal die Spezialtarife von Hiscox an. Und wer überlegt, sich einen lang ersehnten Klassiker anzuschaffen, kann natürlich auch mal schauen, was der ihn denn kosten würde. Denn den Versicherungsbeitrag für eine Hiscox Youngtimer-Versicherung kann man vorher unkompliziert erfragen. Wir sehen uns auf der Landstraße!

Chevrolet Corvette C4

20191030-corvette-c4-gastbeitrag-youngtimer
20191030-corvette-c4-gastbeitrag-scheinwerfer
20191030-corvette-c4-gastbeitrag-innenraum
Baujahr:
ab (in dieser Version)
Max. Drehmoment:
468 Nm bei 3.200 1/s
Leergewicht:
1.550 kg
Motor:
V8
Getriebe: Sechs-Gang Manuell (ZF)Beschleunigung 0-100 km/h:
6,0 Sek.
Hubraum:
5.657 ccm
Antrieb:
Heck
Top Speed:
245 km/h
Leistung:
184 KW (250 PS) bei 4.000 1/s
Länge/Breite/Höhe:
4.490 / 1.890 / 1.230 mm
Wert:
ca. 25.000 Euro

Classic Cars Blog Gastautor Jens Tanz

Autor dieses Beitrags:

Jens Tanz ist Motorjournalist und Social Media Manager und lebt leidenschaftlich die Autos der 70er aus dem Straßenbild seiner Kindheit. Im Netz ist er als „Sandmann“ unterwegs und schraubt und schreibt sowohl über die eigenen Erlebnisse mit seinen Oldtimern als auch markenübergreifend über andere Oldtimer und ihre Menschen.

Bilder: © Jens Tanz, Sandmanns Welt