Chevrolet führte heimlich, still und leise in den frühen 60ern den Chevy II ein. Der konventionelle Wagen war im Mittelklassesegment als Station Wagon ein richtiger kleiner Laster. Funktioniert das Konzept noch heute? Wir sind mit dem 50 Jahre alten Raumwunder in sein „Revier“ gefahren – zum Bauhof. Und wir haben einmal die große Klappe geöffnet und sind in ein großes blaues Wunder eingetaucht.

Die Stadt erwacht zum Leben. App-Programmierer und Webdesigner hetzen in tristen Leasingfahrzeugen zu Terminen und Pitches, Busse rollen über Sonderfahrspuren und Kuriere quetschen sich unter Zeitdruck zwischen allen durch. Menschen sind unterwegs zu ihren reellen und virtuellen Arbeitsplätzen. Es brummt, es ist laut, es ist lebendig. Mittendrin rollt ein kantiger Kombi in einer auffälligen Lackierung und scheint dabei erhaben über den Dingen zu schweben. Blau, Chrom, weißes Dach. Das Auto ist ein bisschen weniger hektisch als die anderen unterwegs. Es brummt, es ist laut, es ist lebendig. Es ist komplett reell in einer vorwiegend virtuellen Welt.

Reduziert auf das Wesentliche

Kein Turbo pfeift beim Beschleunigen hinter der Ampel, kein 9-Gang Getriebe schaltet elektronisch gesteuert hoch. Stattdessen blubbert ein vergaserbeatmeter, großer Motor seinen zufriedenen Takt in den Morgenhimmel, metallische Vibrationen lassen die Luft selbst in einiger Entfernung noch schwingen und der Mann am Steuer sieht glücklich aus. Das ist der entscheidende Unterschied zu den anderen Arbeitnehmern um ihn herum, mit denen er sich die Straßen teilt. Kennt ihr dieses Glück? Erlebt ihr es auch in eurem Klassiker? Schaut doch einmal hier, ob ihr euer geliebtes Auto mit einer Oldtimerversicherung vom Spezialversicherer Hiscox noch besser absichern könnt. Unser Fahrer ist rechtzeitig losgefahren und hat ein bisschen Zeit – und er sitzt in einem einfachen, zuverlässigen Ami. Ein Auto, das garantiert nicht wegen einer gebrochenen Lötstelle in irgend einem Steuergerät liegen bleiben wird. Ein Arbeitstier. Weniger ist einfach mehr.

Entwickelt einen Neuwagen in 18 Monaten!

Damals war keine Zeit für Experimente oder neue Ideen bei General Motors. Der visionäre Corvair mit seinem Motor im Heck (“Volkswagen-like”) verkaufte sich schlechter als die Konkurrenz. Chevrolet General Manager Ed Cole wandte sich mit einer flammenden Ansprache an seinem Team. Und er setzte eine sehr knappe Deadline, innerhalb derer ein konventionelles, zuverlässiges Auto mit maximaler Funktionalität entworfen werden sollte. Back to basic. Die Designer und Ingenieure arbeiteten Tag und Nacht und setzten ihren Plan in 18 Monaten um – das war die kürzeste Entwicklungszeit eines Neuwagens in GMs Firmengeschichte.

Der erste fertige “Chevy II” verließ die Produktionsbänder in Willow Run, Michigan nur wenige Tage vor seiner Premiere am 29. September 1961. Und er kam so klassisch, wie er nur sein konnte. Die Modelle 2-Door-Coupé, 4-Door-Sedan, Convertible und 2- oder 4-Door Station Wagon deckten sich mit dem als Benchmark definierten Ford Falcon, und in den drei Serien 100, 300 und 400 konnten die Kunden fünf verschiedene Ausstattungslinien bestellen. Das Topmodell 400 bekam den Beinamen Nova, der schon bei der eigentlichen Namensgebung auf dem Plan stand und später auch die direkte Modellbezeichnung des Chevy II werden sollte. Ein Coupé mit Ladefläche bot man nicht an – das wäre zu viel Konkurrenz zum hauseigenen El Camio geworden. Kein Nippes, kein Spökes, nicht viel mehr als ein Auto mit dem Motor vorn, dem Antrieb über die Hinterachse und dazwischen Platz und Funktionalität.

Für amerikanische Verhältnisse: winzig

Für die ersten Modelljahre 1962 und 1963 fanden die Käufer unter den Motorhauben wahlweise einen 2,5-Liter-OHV-Vierzylinder (66 kW/91 SAE-PS) oder einen 3,2 Liter großer OHV-Reihensechszylinder (90 kW/122 SAE-PS). Diese Triebwerke hatten für amerikanische Verhältnisse gerade einmal die Dimensionen von Mopedmotoren und passten in das ebenfalls für amerikanische Verhältnisse recht kleine Auto gut rein. Chevrolet Kunden hatten die ausufernde Überheblichkeit der 50er Jahre satt, waren bodenständige Arbeitnehmer und wollten unkompliziert und preiswert unterwegs sein. Die Kraftübertragung besorgten dabei ein Dreigang-Schaltgetriebe oder eine Powerglide-Zweigang-Automatik.

Ein Ami sollte einen V8 haben

Die Zeiten der 6 Meter langen und 2 Tonnen schweren Full Size Schiffe mit Heckflossen und 8-Liter Triebwerken schien (außer bei Cadillac) tatsächlich vorbei zu sein, die generelle Verliebtheit der Amerikaner in den V8 allerdings nicht. Auch wenn der Chevy II in seinen ersten beiden Jahren nicht ab Werk mit einem Achtzylinder angeboten wurde – es gab viele selbst initiierte “Dealer-Options” mit einem nachträglich implantierten Wunsch-V8 des Kunden, vom Small Block bis hin zum Big Block mit Benzineinspritzung aus der Corvette. Solche Kombinationen machten aus dem leichten Auto so etwas wie ein frühes, heimliches Muscle Car! Nicht selten sah man kleine, unscheinbare Novas mit hubraumstarken Motoren auf den Drag Strips richtig gute Quartermiles fahren.

Ob es nun acht oder sechs Töpfe sind, die das Benzin verbrennen, lässt sich im Stop and Go des Stadtverkehrs kaum unterscheiden. Akustisch sind es acht. Der glückliche Mann legt die Fahrstufen mit der Lenkradschaltung ein und kurbelt das Fenster runter. Eine frische Brise weht über die Alster. Eine Klimaanlage hat der Wagen nicht. Überhaupt ist da nur wenig Informationsfluss zwischen Technik und Mensch: Ein Tacho, eine Tankanzeige und je eine Lampe für Temperatur, Batteriespannung und Öldruck. Nur eine Lampe. Jemand hat irgendwann mal ein paar Zusatzinstrummente unten links unter das Dashboard geschraubt, aber die interessieren nur am Rand.

Vorwärts ohne Elektronik

Der Wagen läuft rund, kraftvoll und stoisch nach vorn. Wenn die Straße einmal so etwas wie eine Biegung vorgibt, wird am blauen Lenkrad in den Dimensionen einer Fahrradfelge gedreht und gedreht und gedreht, bis das Schiff wieder auf Kurs ist. Und der Kurs geht heute zu einem Bauhof am Rand der Stadt. Draußen, wo Pflastersteine und Holzplanken lagern passt den Chevy schon besser ins Bild als zwischen den grauen Lifestyle-Kombis und den schwarzen New-Generation Kleinwagen mit Ambient Cockpit Beleuchtungen und Bluetooth Connect über die Touch Displays des Multifunktions-Panels. Und hier draußen in der uns umgebenden Ruhe sind wir uns inzwischen sicher, dass in dem blauen Chevrolet Station Wagon mit der Topausstattung Nova ein V8 arbeitet. Eine Dealer Option?

Nicht jeder V8 war ein Eigenbau. Als 1964 die Chevelle in den Showrooms stand brachen die Verkaufszahlen des Chevy II ein – und um diesem Trend entgegenzuwirken wurden die ersten Werks-V8 angeboten. Neben dem 4,9 Liter (283 cui) Achtzylinder mit 195 PS war noch die dritte Generation des Reihensechsers mit 3,8 Litern (230 cui) im Programm. Der Konkurrenten Plymouth Valiant hatte so einen ähnlichen unter der Haube und GM witterte nach wie vor Marktanteile mit Straight Six Motoren.

Gebraucht und dann vergessen

1965 (also Modelljahr 1966) blieb den Chevy Enthusiasten als das Jahr in Erinnerung, wo aus dem Chevy II eine offizielle Muscle Car Rakete wurde. Mit einem 5,4 Liter (327 cui) dicken V8, der eine Leistung von über 300 PS entwickelte, konnte der Nova SS plötzlich mit dem GTO, dem 4-4-2 und dem Mustang 289 mithalten. Zumindest was die Geradeausbeschleunigung betraf. Gleichzeitig ereilte den Chevy II das seltsame Los, der einzige Wagen in GMs Modellpalette zu sein, der in diesem Jahr rückläufige Verkaufszahlen verzeichnete. Es kursieren da ein paar Legenden über die Ursachen, eine besonders unterhaltsame ist die Namensgebung, die in Spanisch sprechenden Ländern angeblich keine Akzeptanz fand. Nova klang wie “no va”, was frei übersetzt “er läuft nicht mehr” heißt. Wer weiß das schon so genau 😉 . Zum Modelljahr 1966 erfolgte außerdem eine gründliche Überarbeitung der Karosserie mit neuen Front- und Heckpartien. Die Ausstattungslinien hießen 100, Nova und Nova Super Sport. Vom Chevy II/Nova der ersten Generation wurden in 6 Jahren beachtliche 1,25 Millionen Stück gefertigt.

Und sie teilen ihr Los mit anderen Millionen von “praktischen” und funktionellen Klein- und Mittelklassewagen. Während in Deutschland der Golf 1 oder der Opel Kadett A (dem der Chevy II von vorn ein bisschen ähnelt) komplett aus dem Straßenbild verschwunden sind, sieht man auch in Nordamerika kaum noch Novas. Umso exotischer wirkt er mitten in Hamburg. Dabei hat er doch alles, was man braucht. Und er ist klassisch gut versichert. Habt ihr schon auf den Link geklickt? Und er ist auch über 50 Jahre nach seiner Geburt noch mehr Kombi als so mancher Neuwagen.

Mehr braucht’s nicht

Am Heck lässt sich die breite Scheibe komplett in die große blaue Klappe hineinkurbeln. Klappt man diese dann auf, eröffnet sich ein mit Teppich und Kunststoff verkleideter Lagerraum, der sich durch die klappbare Rücksitzbank in die Dimensionen einer Turnhalle erweitern lässt. German Kombinationskraftwagen hatten derzeit noch nacktes Blech auf den Pritschen, in den Nova möchte man am liebsten gleich mit seiner Schrankwand und dem Sofa einziehen. Vom Platzangebot her würde das passen.

Den uns umgebenden Bauschutt lassen wir aber diesmal hier. Der entspannte Fahrer klappt und kurbelt alles wieder zu und fährt mit dem blauen Auto dahin zurück, wo er hergekommen ist. Heute Abend will er noch mit der Familie an den Elbstrand. Und morgen geht das alles von vorn los. Der Chevy II ist ein realer Daily Driver mit einem großen Entspannungspotenzial. Er tut gut in diesen verrückten, virtuellen Zeiten.

Chevrolet II Nova Station Wagon

20210322 Chevrolet Nova Gastbeitrag Seitenspiegel
20210322 Chevrolet Nova Gastbeitrag Motor
20210322 Chevrolet Nova Gastbeitrag
Baujahr:
1965
Motor:
Chevrolet V8 Small Block
Leistung:
188 KW (255 PS)
Drehmoment:
475 NM bei 4.400 U/min
Top Speed:
174 km/h
Beschleunigung von 0 auf 100:
10,1 s
Getriebe:
3 Gang Automatik TH350
Antrieb:
Hinterräder
Hubraum:
4.737 ccm (283 cui)
Höhe / Breite / Länge:
1.440 mm / 1.775 mm / 4.735 mm
Leergewicht:
1.490 kg
Wert:
ca. 18.000 Euro

Classic Cars Blog Gastautor Jens Tanz

Autor dieses Beitrags:

Jens Tanz ist Motorjournalist & Social Media Manager und lebt leidenschaftlich die Autos der 70er aus dem Straßenbild seiner Kindheit. Im Netz ist er als „Sandmann“ unterwegs und schraubt und schreibt sowohl über die eigenen Erlebnisse mit seinen Oldtimern als auch markenübergreifend über andere Oldtimer und ihre Menschen.

Bilder: © Jens Tanz, Sandmanns Welt