Journalisten und Social MediaJournalisten nutzen soziale Medien in ihrer Arbeit und für die Kommunikation mit PR-Fachleuten mittlerweile ganz anders. Eine interessante Entwicklung im Journalismus, die ich schon länger beobachte.

Vor ungefähr fünf Jahren habe ich mich als Bloggerin oft mit Journalisten auf Presseveranstaltungen über Social Media und das Bloggen unterhalten. Zu der Zeit zeigten sich die Journalisten oftmals skeptisch, viele hatten sogar ein wenig Angst vor der Informationsflut und Schnelligkeit in den Social Networks. Verständlich, denn viele Journalisten waren es gewohnt, dass sie selber die Gatekeeper sind und hatten die Befürchtung, dass ihnen nun diese Funktion weggenommen wird.

Doch was macht man, wenn man Verlustängste hat? Man spielt in den Social Media mit, dann hat man nämlich wieder eine wichtige Rolle. Viele Journalisten nutzen mittlerweile die sozialen Medien täglich und regelmäßig. Wobei die Nutzung sich dann doch wieder etwas von den Bloggern, Influencern und PR-Leuten sowie produktbezogenen Aktivitäten von Unternehmen unterscheidet.

Wie genau Journalisten in aller Welt Social Media nutzen, untersuchen regelmäßig Cision und die Canterbury Christ Church University. Deren Social Journalism-Studie zeigt: Journalisten halten sich – nach eigenen Aussagen – am meisten auf Facebook auf. Danach folgen Twitter und Snapchat. Das verändert den gesamten Arbeitsalltag, denn die Augen und Ohren sind nun nicht mehr ausschließlich auf die offiziellen Nachrichtenticker und Pressemeldungen konzentriert.

Journalisten und Informationen in Social Media

Informationen werden aufgenommen, aber von den meisten Journalisten immer kritisch hinterfragt. Diese Einstellung ist absolut richtig, finde ich. So sollten am besten alle Konsumenten von Tweets, Postings und Artikeln agieren. Journalisten ticken wie folgt: Nicht alles sofort glauben – besonders Sensationsmeldungen genauer betrachten – und auf jeden Fall mehr als nur die Überschrift lesen. Journalisten sind es gewohnt, zu hinterfragen und zu recherchieren. Das war so und das bleibt auch so. Doch die Medienbeobachtung ist nur eine Sache. Immer mehr Journalisten publizieren und interagieren mit ihrer Zielgruppe. Also zeigen die Journalisten mittlerweile auch „mehr Gesicht“ in den sozialen Netzwerken und verstecken sich nicht mehr hinter dem Titel ihres Onlinemediums.

Auffällig auch dabei, dass bei den journalistischen Berichten – bei denen es passt – öfter auch ein Foto mit dem Konterfei des Journalisten mit abgebildet wird. Das haben sich die Journalisten ein wenig von den Bloggern abgeschaut. Dagegen ist überhaupt nichts zu sagen, ich finde es gut, wenn man sehen kann, dass ein Journalist auch wirklich vor Ort war. Dabei werden diese Fotos (von Events, Präsentationen oder Presseveranstaltungen) auch gern vorab auf dem eigenen Twitter Account oder Facebook-Profil publiziert. Man möchte als Journalist nicht mehr zurückstecken und warten, bis ein Artikel publiziert wird, wenn auch Blogger dabei sind, die ebenso die Social Media Kanäle in Echtzeit versorgen.

Neulich, auf einer Fahrveranstaltung eines Autoherstellers, hörte ich ein kleines bisschen Bedauern von den Journalisten, dass man nicht mehr so lange Zeit hätte, um einen Fahrbericht zu erstellen. Hier sprachen die Magazin-Journalisten, die noch den „Monats-Rhythmus“ verinnerlicht haben. Dagegen sind die Online-Journalisten der Zeitungen und Zeitschriften wesentlich offener gegenüber den sozialen Medien. Sie müssen sich weniger umstellen, was die Schnelligkeit von Nachrichten und Publikation betrifft.

Noch einen Unterschied in der Wahrnehmung, Nutzung und Beurteilung gibt es zwischen freiberuflichen und fest angestellten Journalisten: Etwas über die Hälfte der Freiberufler sind nämlich der Meinung, dass soziale Medien einen positiven Einfluss auf den Journalismus haben. Ebenso stellt diese Gruppe fest, dass sie ohne soziale Medien gar nicht arbeiten könnten. Bei den Festangestellten bestätigen das nur etwa ein Drittel der Befragten.

Informationsquellen der Journalisten

informationsquellen von Journalisten Altersgruppen
Informationsquellen von Journalisten lassen sich nach Altersgruppen unterscheiden (Abbildung: Cision / Canterbury Christ Church University)

 

Hier ist die Demographie ein wichtiger Faktor. Ältere Journalisten, über 45 Jahren, halten sich am liebsten an Expertenaussagen und nutzen ihre Branchenkontakte. Etwas über die Hälfte bevorzugen PR-Quellen und Pressemitteilungen. Bei den jüngeren Journalisten (18-27 Jahre) ergibt sich ein anderes Bild. Hier sind PR und Pressemitteilungen am wichtigsten, Branchenkontakten (ohne PR) und Expertenmeinungen vertrauen jeweils knapp die Hälfte.

Was heißt das für die Entwicklung in Social Media? Es könnte zeigen, dass die Journalisten im Verlauf ihrer Karriere ihre Netzwerke ausweiten. Persönliche Kontakte werden wichtiger. Diese könnten sich auch durch die Vernetzung in Social Media ergeben und müssen somit nicht mehr – wie zumeist bei den Älteren – im Reallife ergeben.

Wie kommunizieren Journalisten und PR-Leute?

Vielleicht (meine Vermutung) wird man durch Social Media noch zusätzlich auf den einen oder anderen Account aufmerksam. Doch trotz der zunehmenden Nutzung bleiben E-Mails die bevorzugte Kommunikationsmethode zwischen PR und Journalismus. Eine wichtige Information für die PR-Leute: Journalisten wünschen sich weniger Kontakt per Telefon. Das geht den meisten Bloggern übrigens genau so, denn per Telefon fühlt man sich immer etwas „überfallen“. Eine Kontaktaufnahme über Social Media ist für 12 Prozent der Journalisten in Ordnung, doch Material und Informationen werden dann in Folge ja doch wieder per E-Mail gesendet.

Fünf typische Nutzergruppen unter den Journalisten

Nutzergruppen Journalisten Social Media
Die meisten Journalisten sind in Sachen Social Media „Beobachter“ (Abbildung: Cision / Canterbury Christ Church University)

 

Es gibt in der Studie die Architekten, Promotoren, Jäger, Beobachter und Skeptiker. Die Beobachter sind mit 35 Prozent die größte Gruppe. Nur neun Prozent sind sogenannte Architekten, die proaktivsten Nutzer sozialer Medien und Vorreiter und sind zumeist im Online-Journalismus tätig. Die Promotoren gehören ebenso zu den kleineren Nutzergruppen und nutzen soziale Medien besonders gerne zur Veröffentlichung und Promotion ihrer Arbeit sowie zur Interaktion mit ihrer Zielgruppe.

Die Jäger (nach Informationen) sind mit 28 Prozent Anteil dabei, es handelt sich hauptsächlich um recherchierende Online-Journalisten. 22 Prozent von dieser Gruppe arbeiten jedoch im Print-Bereich. Interessant, dass sich von allen Gruppen hier der größte Anteil an Rundfunkjournalisten befindet.

Ein knappes Fünftel (19 Prozent) sind weiterhin skeptisch gegenüber dem ganzen „Social Media Gedöns“ und davon wiederum ein Viertel sind Totalverweigerer von Facebook und Co, laut eigener Aussage. Dieser kleine Teil gibt sogar zu, dass ihm die Social Media Kompetenz einfach fehlt. Daher planen sie auch niemals zu den Beobachtern zu wechseln, weil einfach das Interesse komplett fehlt.

Journalisten und Social Media, Stand heute

  • Die Nutzung sozialer Medien bei deutschen Journalisten steigt weiterhin an. 79 Prozent der Befragten nutzen täglich soziale Medien.
  • Deutsche Journalisten nutzen viele verschiedene sozialen Medien, wobei soziale Netzwerke wie zum Beispiel Facebook am häufigsten verwendet werden.
  • Am wichtigsten ist die Nutzung von Social Media zur Publikation, Medienbeobachtung und zur Interaktion mit der Zielgruppe.
  • Mehr als die Hälfte der deutschen Journalisten ist der Ansicht, dass soziale Medien ihre berufliche Rolle grundlegend verändert haben.
  • Online-Journalisten interagieren in sozialen Medien am meisten mit ihrer Zielgruppe, während Magazin-Journalisten sich am wenigsten von sozialen Medien beeinflusst fühlen.
  • Freiberufliche Journalisten nutzen häufig Blogs, wohingegen fest angestellte Journalisten mehr mit ihren Zielgruppen interagieren.
  • Soziale Medien ändern nichts daran, welche Quellen Journalisten am wichtigsten sind.
  • E-Mails sind weiterhin die bevorzugte Kontaktmethode zwischen Journalisten und PR-Fachleuten. Dieses Muster ändert sich durch soziale Medien nicht.
  • Unter den typischen Nutzergruppen sozialer Medien sind die „Beobachter” weiterhin die größte.

 

Nicole Y. JodeleitAutorin dieses Beitrags:

Nicole Y. Jodeleit ist Freiberuflerin für Online-Kommunikation, Blogger Relations und schreibt auf verschiedenen Corporate Blogs über unterschiedliche Themen. Auf dem eigenen Blog Auto-Diva hat sie ihr Interesse für Autos und Technik zur Passion gemacht.

 

Die hier genannten Zahlen sind der Social Journalism-Studie von Cision und der Canterbury Christ Church University entnommen, die Studie steht hier zum Download (nach Eingabe der Kontaktdaten) bereit.

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